Politik : Leitartikel: Warum der Tiger faucht

Sie sind wieder da. Ihr Nutzen wird ernsthaft erwogen. Dabei schien der Himmel doch so heiter. Vor 14 Tagen wurde bekannt, dass die amerikanische Regierung über Szenarien nachdenkt, in denen sie jene Waffen einsetzen könnte, deren Feuerball "heller als tausend Sonnen" strahlt.

Seit Hiroshima steht diese Metapher für Atomwaffen. In dem Geheimbericht, gezeichnet vom US-Verteidigungsminister, werden die verschiedenen Situationen detailliert beschrieben. Sieben mögliche Angriffsziele werden genannt. Außerdem wird geplant, kleinere Atomwaffen für begrenzte Konflikte zu bauen. Heller als tausend Sonnen: Darin drückt sich die Blendwirkung der mörderischen Waffen aus. Ihre Zerstörungskraft sprengt die Fantasie.

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Fotos: Osama Bin Laden, Krieg in Afghanistan
Kein Wunder, dass weltweit jene Unruhe erneut ausgebrochen ist, die das markanteste Kennzeichen des Kalten Krieges war. Diese Epoche, die ein halbes Jahrhundert dauerte, wurde Atomzeitalter genannt. Es war das erste und einzige Mal, dass sich die Menschheit über eine Waffenart definierte. Denn das Arsenal des Schreckens hätte ausgereicht, um die eigene Gattung auszulöschen. Solch dramatisch reale Visionen plagten damals die Menschen. In Deutschland wurde eine ganze Generation durch die Beschäftigung mit dem Thema politisch sozialisiert. Atomwaffen, das war die herrschende Meinung, sind Waffen des Terrors. Sie einzusetzen, ist ein Verbrechen.

Dann lichtete sich der Eiserne Vorhang - und das Problem schien erledigt zu sein. Die neue Stimmung war unbefangener: Keiner bedroht mehr den anderen, die Waffen haben ihre Schuldigkeit getan, lasst uns ein neues Zeitalter ausrufen: das Informations- und das Globalisierungszeitalter. Als George W. Bush und Wladimir Putin vor einigen Wochen vereinbarten, die Zahl der russischen und amerikanischen Nuklearsprengköpfe auf jeweils ein Drittel zu reduzieren, wurde diese Geste, die vor 15 Jahren eine Sensation gewesen wäre, fast als Bagatelle wahrgenommen. Sie galt als überfällige Anpassung an das nachatomare Zeitalter. Mehr nicht.

In der Erleichterung jedoch schwingen Übermut mit und Naivität. Atomwaffen sind offenbar unwiderruflich in der Welt, sie lassen sich nicht mehr wegerfinden. Das Atomzeitalter währt ewig. Abgenommen hat nur die Wahrscheinlichkeit der globalen Katastrophe. Ein Krieg zwischen zwei klassischen Nuklearmächten ist derzeit so gut wie ausgeschlosssen. Zugenommen indes hat die Wahrscheinlichkeit, dass Massenvernichtungswaffen überhaupt zum Einsatz kommen. Indien und Pakistan liegen auf der Lauer. Noch größere Gefahr geht von diktatorischen Regimen und Terror-Organisationen aus. Um deren kriminelle Energie zu bremsen, genügt es nicht, auf die segensreiche Wirkung von internationalen Verträgen zu hoffen. Manchmal muss der Tiger auch seine Zähne zeigen.

Zum Paradox der atomaren Abschreckung gehört, mit einer Waffe drohen zu müssen, die niemals eingesetzt werden soll. Daran hat sich, trotz des jüngsten Reports, nichts geändert. Die Bush-Regierung verfolgt eine Strategie der kalkulierten Unklarheit. Kein potenzieller Übeltäter soll sich sicher fühlen. Berechenbarkeit wäre eine Schwäche. Als Preis dafür nimmt sie in Kauf, dass auch bei den Verbündeten die Nervosität gelegentlich steigt. Die schlechte Nachricht: Amerika wird weiter atomare Pläne schmieden. Der Geheimbericht wird nicht der letzte seiner Art sein. Die gute Nachricht: Die Bereitschaft zum Einsatz von Nuklearwaffen ist in Washington unverändert gering. Der Tiger faucht, um nicht beißen zu müssen.

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