Politik : Leitartikel: Wenden, Wunden und Wunder

Hermann Rudolph

Der Streit um die deutsche Einheit, den die Parteien zur Feier ihres 10. Jahrestag angezettelt haben, ist zwar ärgerlich, aber kein wirklicher Schaden. Er fällt ohnehin auf seine Urheber zurück, auf die einen mehr, auf die anderen weniger, je nach dem Maß der jeweiligen Infamie - jeder blamiert sich, so gut er kann. Das kann die deutsche Einheit nicht wirklich berühren, die dem vergangenen, katastrophenreichen Jahrhundert einen so unverhofften, versöhnlichen Schlussstein aufgesetzt hat. Zu feiern ist an diesem Jahrestag ja nicht nur die Vereinigung, dieser Einbruch des Unvorstellbaren in die Geschichte. Zu begehen ist auch, dass wir als Deutsche, West oder Ost, inzwischen eine zehnjährige gemeinsame Geschichte haben. Es sind zehn Jahre, die Deutschland veränderten, in einem noch unabsehbaren Maße - nicht zuletzt die Deutschen selbst.

Es ist keine einfache Geschichte. Sie handelt von Wenden, Wundern und Wunden. Der euphorisierende Anfang steckt darin, als alles möglich schien. Über die damaligen Aufschwungs-Prognosen kann man heute nur den Kopf schütteln: Bis zum Jahresende? In ein, zwei Jahren? Dann das grosse Einknicken. Die Erkenntnis, dass alles viel länger dauern würde, als angenommen. Die Wahrnehmung, dass die Einheit im Osten nicht nur viele Lebensläufe bereichert, sondern auch eine nicht geringe Zahl gebrochen hat. Überdruss an den historischen Tagen. Spott über die "blühenden Landschaften". Die endlosen Ossi-Wessi-Gereiztheiten. Dann, langsam, der Übergang in einen ruhigeren Rhythmus. Und nun? Stabilisierung? Normalisierung?

Es ist schon frappierend, wie anders sich das vereinte Deutschland heute, an diesem zehnten Jahrestag, ausnimmt als noch, sagen wir, zwei, drei Jahre zuvor. Wer heute diese Jahre eine Erfolgsgeschichte nennt, läuft keine Gefahr mehr, mit Häme überschüttet zu werden. Und es ist ja wahr: Noch nie waren die neuen Länder, die Innenstädte, die Infrastruktur, die Dörfer, so sichtbar neu wie jetzt. Noch nie gab es deutlichere Zeichen einer industriellen Modernisierung. Und was die neuen Generationen der Ostdeutschen angeht, die nun in die Berufe drängen, so heißt es, sie seien besser als ihre westdeutschen Altersgenossen. Schon machen manche bei ihnen ein Selbstbewusstsein aus, für das die Wessis verächtlich "Warmduscher" und alles andere als Vorbilder sind. Dabei ist das Ungleichgewicht zwischen Westen und Osten nach wie vor sichtbar - da eine saturierte Welt, dort eine noch unsichere. Die neuen Länder stehen noch immer unter dem Druck von Kontrasten, der Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen. Das Übermorgen der neuen Chancen trifft auf das Gestern von Mentalitäten, die sich mit dem Neuen schwer tun. Und die neue Prächtigkeit ist weit davon entfernt, auf eigenen Füßen zu stehen.

Ist es der Hauptstadt-Umzug, der die Stimmung gewandelt hat? Oder ernten wir jetzt, was wir in den vergangenen zehn Jahren gesät haben? Oder ist es einfach so, dass wir nun langsam in den großen Veränderungen ankommen, die die Einheit angestoßen hat? Dann hätte es auch seine Berechtigung, dass wir die Einheit am 3. Oktober feiern, den manche nicht als Festtag gelten lassen wollen, weil ihm die emotionale Seite fehlt. Der 9. November steht für das überwältigende Durchbrechen der Mauern. Der 3. Oktober steht für ein Deutschland, das, als Staat unter Staaten, mit seiner Vereinigung eine neue Wirklichkeit gewinnt.

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