Politik : Leitkultur - so diskutiert das Ausland: Cool Tour

Hendrik Bebber

Das leidige Schlagwort der Leitkultur wühlt auch die Briten auf. Letzten Monat entfachte die "Kommission zur Zukunft des multikulturellen Britanniens" mit ihrem Abschlussbericht eine hitzige Debatte darüber, was "britisch" eigentlich bedeutet. Sie kam zu dem Schluss, dass in dem Wort ein rassistischer Unterton mitschwingt und es nicht mehr geeignet sei, die multikulturelle Vielfalt der Bevölkerung zu repräsentieren. Millionen von Bürgern des Vereinigten Königreiches könnten ihre Identität nicht als Briten sehen. Die Kommission schlägt deshalb vor, dass der Staat sich formell als multikulturelle Gesellschaft definiert. Das bedeutet auch, dass seine "Geschichte korrigiert, neu überdacht und wenn nötig über Bord geworfen werden muss".

Diese Überlegung stieß bei den weißen, konservativen Briten auf wütenden Protest. "Was denken diese Idioten eigentlich, wer sie sind," kanzelte eine Schlagzeile die Wissenschaftler und Politiker ab, die im Auftrag des renommierten gesellschaftswissenschaftlichen Forschungsinstituts "Runnymede Trust" das Denkpapier verfasst hatten. "Eine ungeheure Beleidigung für die 94 Prozent der Bevölkerung, die nicht von ethnischen Minderheiten abstammen", schnaubte der konservative Abgeordnete Gerald Howard. "Es wird Zeit, dass die eingeborenen Briten für ihr Recht kämpfen."

Labour-Innenmininister Jack Straw, der den Report vorstellte, befand sich plötzlich in der Zwickmühle. Einerseits unterschreibt seine Regierung vorbehaltlos das Ideal einer multikulturellen Vielfalt in Tony Blairs "Cool Britannia", andererseits kritisiert er den Mangel an "britischem Patriotismus" bei der Parteilinken. Dadurch würde die Begriffe "britisch" und "englisch" in einer "eingeengten und ausgrenzenden Weise" von den Konservativen besetzt. So sieht der Innenminister durchaus "eine Zukunft für Britannien" und lehnt die von der Kommission vorgeschlagene spröde Neudefinition "Gemeinschaft der Gemeinschaften" rundweg ab. Aber er findet ihre Anregungen zu einer neuen "Leitkultur" des Königreiches durchaus erstrebenswert. Der Report erkennt an, dass Großbritannien trotz der multikulturellen Vielfalt einen gemeinsamen sozialen Zusammenhalt mit einer übergreifenden Nationalkultur braucht. Diese Kultur beruht auf gemeinsamen Wertvorstellungen wie Toleranz, Respekt und Dialog zwischen den einzelnen Kulturen und den Grundnormen der Menschenwürde und Chancengleichheit.

Solche neue Leitkultur freilich kann ihre Wurzeln nur bedingt in der "britischen" Geschichte finden, in der England zuerst die Iren, Waliser und Schotten unterjochte, um als "Großbritannien" dann zur führenden Kolonialmacht zu werden. Während die Bürger der keltischen Landesteile jetzt durch ihre Teilautonomie ihre eigene nationale Identität gestärkt bekamen, haben die Engländer und die Briten karibischer, afrikanischer und asiatischer Abkunft damit große Schwierigkeiten. Während die selbstbewussten Schotten und katholische Nordiren sich selbst kaum als "britisch" bezeichnen, nutzen die englischen Fußball-Hooligans diesen Begriff als Leitmotiv für ihre Gewaltorgien. Die englischen "Euroskeptiker" führen "Britishness" wie eine Zauberformel gegen den Beitritt zur Währungsunion an. Für die ethnischen Minderheiten ist "britisch" meistens nur mit einem Bindestrich verbunden. Sie definieren sich als "schwarz-britisch", "afrikanisch-britisch" oder "britisch-asiatisch". Stuart Hall, der aus der Karibik stammende Mitautor der Studie, sieht in der "englischen Leitkultur" die schwierigste Hürde, um zu einer zeitgemäßen "britischen" Kultur zu finden. Die leidenschaftliche Debatte darüber findet nach Ansicht des Politologen kaum in Cardiff oder Edinburgh statt, sondern beunruhigt vor allem die Engländer. "Britannien war immer und ist jetzt besonders eine Nation der Nationen. Es kann nicht länger "britisch" mit "englisch" gleichsetzen".

Während der letzte konservative Premierminister John Major von einem Land schwärmte, dessen Leitkultur von "Kricketspielern, warmen Bier und alten Jungfern, die zur Kirche radeln" geprägt ist, sieht es die Labour-Regierung realistischer. "Unsere Geschichte und unsere Identität ist von Anfang an von Einwanderern geprägt worden. Die ersten waren die Deutschen - als die Angeln im fünften Jahrhundert landeten. Und jedes Jahrhundert seitdem kamen andere: von den Normannen bis zu den Hugenotten, den Iren, Italienern, Polen, Jamaikanern und den Bangladeschis. Es ist die Vielfalt dieser Kulturen, die uns definiert. Und sie ist nicht unsere Schwäche, sondern mit unsere größte Stärke."

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