Politik : Leitkultur - so diskutiert das Ausland: Integration statt Multikulti

Eric Bonse

Der Streit um die deutsche Leitkultur hat Frankreich noch nicht erreicht. Weder die Medien noch die bürgerliche Opposition haben sich des neuen CDU-Themas bemächtigt. Das mag zum Teil daran liegen, daß Gaullisten und Rechtsliberale zur Zeit um die eigene "Leitkultur" ringen: Führende Gaullisten plädieren für eine Fusion der französischen Oppositionsparteien, die Rechtsliberalen sträuben sich.

Vor allem aber gibt es keine französische Entsprechung für die deutsche Wortschöpfung. Wenn Franzosen von Kultur sprechen, dann benutzen sie das Wort "civilisation". Wenn es um Einwanderung geht, ist die Rede von "intégration". Dass Einwanderer französisch sprechen und die Verfassung achten müssen, ist völlig unumstritten. Die Franzosen sind ihrer Leitkultur derart verbunden, dass sie Anglizismen in der Sprache bekämpfen und religiöse Bekenntnisse in der Schule - etwa das Tragen von Kopftüchern - verbieten. Zum gemeinsamen Wertekanon gehört nämlich auch die strikte Trennung von Staat und Kirche.

Die politische Debatte kreist in Frankreich nicht um "Multikulti", sondern im Gegenteil darum, wie man durch Integration die Herausbildung anderer Kulturen und Gemeinschaften verhindern kann. Umstritten ist, wie viele Einwanderer Frankreich verkraften kann, um die Integration nicht zu gefährden. Bei dieser Dauerdebatte sind die Franzosen längst nicht so zimperlich wie die Deutschen. Als der konservative Ex-Premierminister Alain Juppé 1997 die illegale Einwanderung durch drastische Maßnahmen stoppen wollte, erhob sich eine wahre Bürgerbewegung. Sie rief zum zivilen Ungehorsam auf und brachte 500 000 Menschen auf die Straße. Mit Erfolg: Juppés Nachfolger Jospin leitete eine liberalere Einwanderungspolitik ein.

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