Politik : Leitkultur

Markus Feldenkirchen

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Wir haben lange nichts mehr gehört von dieser Debatte um die, na, wie hieß sie doch gleich? Genau: die Leitkultur. Die hatte der Friedrich Merz damals, vor gut zwei Jahren, angestoßen. Merz hatte ein für alle Mal klären wollen, was das Deutschsein im Kern ausmacht, was uns von anderen unterscheidet und was Nichtdeutsche in Deutschland unbedingt befolgen müssen. Leider wurde diese Debatte dann irgendwann abgebrochen. Einfach so. Wir wissen deshalb immer noch nicht, was uns Deutsche definiert. Ob es reicht, mit dem Grundgesetz unter dem Kopfkissen zu schlafen oder ob der Besitz von Dackeln zusätzlich hilfreich wäre, um ein guter Deutscher zu sein? Seit gestern haben wir zum Glück neue Anhaltspunkte.

Da versuchte in Kreuzberg ein Fahrradfahrer, auf dem Bürgersteig voranzukommen, weil die Straße wegen Bauarbeiten gesperrt war. Als er vorsichtig und nach Vorwarnung einen Fußgänger überholte, holte der Überholte zu einer staatsphilosophischen Betrachtung aus: „Das ist nicht Rad, das ist deutsch“, brüllte der schwitzende deutsche Mann mittleren Alters dem Fahrradfahrer hinterher. Dass er diese Worte ein wenig lallend vorbrachte, soll die Richtigkeit der Aussage nicht schmälern, schließlich wussten schon die Lateiner: in Schultheiss veritas oder so ähnlich. Wir wissen jetzt also, dass Bürgersteige eine höchst deutsche Sache sind und das Befahren von Bürgersteigen mit Fahrrädern eher nicht. Das allein reicht jedoch noch nicht, um die Leitkulturdebatte endlich voranzubringen. Noch wichtiger ist da die Erkenntnis, dass der korrekte Gebrauch der deutschen Sprache als Qualifikationsmerkmal für das Deutschsein nun aber wirklich und ein für alle Mal ausgedient hat.

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