Politik : "Lenins Reich in Trümmern": Ohne Eigeninitiative

Claus D. Kernig: Lenins Reich in Trümmern. Sc

Man kennt die Bilder: brachliegende Industrien, umweltzerstörte Naturlandschaften Sibiriens und anderswo, brüchige Häuser und unzählige Obdachlose in den Zentren Moskau und St. Petersburg. Daneben ungeheure Luxus- und Prachtentfaltung einer kleinen Schicht von superreichen "neuen Russen", die mit Dollarbündeln nur so um sich werfen. So zumindest ist die in der westlichen Öffentlichkeit weit verbreitete pessimistische Stimmung. Dieser schließt sich der Politikwissenschaftler Claus D. Kernig in seinem Buch an.

Dabei ist das Werk weit besser, als es sein plakativ-reißerischer Titel vermuten lässt: Die größte Stärke des Buches ist die historische Rückschau bis in die frühe Sowjetzeit. In ihr spürt Kernig mit analytischer Schärfe und ökonomischem Sachverstand den strukturellen Defiziten der UdSSR und den Gründen für ihren Niedergang nach. Dabei vertritt er in seinem Systemvergleich zwischen "bürgerlicher Gesellschaft" und Sowjetunion mit guten Gründen die These, dass die mangelnde Entfaltung von rechtlichen Vorstellungen und Verfahrensweisen ein Hauptgrund auch der gegenwärtigen Misere in Russland sei. Hier hat Kernig vor allem die bis heute völlig unterentwickelte unternehmerische Eigeninitiative vor Augen, die sich im Westen auf Grundlage eines Systems rechtlicher Normen bis hin zum Patentrecht hat entfalten können. Jedoch nicht in Russland: Krieg und Revolution hätten zwischen 1915 und 1925 die Ansätze unternehmerischer Gesinnung und marktwirtschaftlicher Elemente zerstört und vor allem den rechtlichen "Take off" zur Industriegesellschaft verhindert. Sehr anschaulich ist Kernigs Beweisführung auch, wenn er die Absurdität eines gesamtgesellschaftlichen Plans demonstriert, der aufgrund der unzähligen notwendigen Berechnungen und Kennziffern als irrational und ökonomischer Unsinn erscheint. Die planwirtschaftliche Orientierung hat sich ja tief in die kollektive Psyche der Sowjetbürger eingegraben. Auch sie hemmt bis heute die unternehmerische Eigeninitiative in Russland.

Überzeugend ist schließlich auch Kernigs Analyse des Systems von Jelzin, das er einer vernichtenden Kritik unterwirft: Die Spannweite reicht dabei von den insbesondere im wirtschaftlichen Bereich utopischen Reformideen Boris Nikolajewitschs, über seinen machtbesessenen Opportunismus und seine sprunghafte Politik, bis zur Wählermanipulation durch Jelzins Förderer, die Medienmoguln und "Oligarchen", bei den Präsidentschaftswahlen 1996.

Zwar erscheint Kernigs verschwörungstheoretische Sicht der Machterlangung Putins übertrieben: der Nachfolger Jelzins als bloße Marionette der Superreichen. In einem hat der Politikwissenschaftler aber Recht: Jelzins Machtübertragung auf Putin und die vom jetzigen Präsidenten seinem Vorgänger eingeräumte lebenslange Immunität gegen Strafverfolgung ist Ausdruck oligarchischer Vetternwirtschaft, zumal angesichts der massiven Korruptionsvorwürfe gegen Familie Jelzin.

Obwohl Kernigs Diagnose, insbesondere seinem Stufenplan für eine russische Marktwirtschaft, zuzustimmen ist, hat sie einen Nachteil. Seine Vorschläge für "richtige" Reformen werden bisweilen mit dem Gestus des unfehlbaren "Besserwessis" vorgetragen und wirken mitunter wie akademische Pläne vom Reißbrett.

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