Politik : Lernen dürfen, lernen müssen

Von Tissy Bruns

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Auf der Hitliste der Sonntagsreden der Nation konkurrieren seit einiger Zeit zwei Themen um den ersten Platz. Über Bildung und Integration reden Spitzenpolitiker jeder Couleur in hohem Ton und ohne Folgen. Der Bundespräsident hat Schule und Bildung zum Thema seiner ersten Berliner Rede gemacht. Er hat die Gefahr wohl gesehen, den wohlfeilen Bekenntnissen ein weiteres hinzuzufügen. Und er hat sie doppelt gebannt. In einer Neuköllner Schule gibt es erstens keine Ausreden. Zweitens hat der Bundespräsident ganz präsidial allen die Leviten gelesen, die hoch tönen und nichts tun.

Die Wahl des Ortes war die halbe Botschaft. Das Humboldt’sche Bildungsideal ausdrücklich für die Kinder von Neukölln zu reklamieren, das ist eine feine Attacke auf die bequeme Neigung, der Dramatik der Bildungsfrage durch Wegsehen auszuweichen. Horst Köhler hat von Leitkultur nicht gesprochen. Sein Text aber füllt aus, was das ist – oder sein müsste. Vor jeder ökonomischen Erwägung muss Bildung der Weg zur Entdeckung des Individuums sein: Was in ihm steckt, das Urteilsvermögen über Gut und Böse, die Fähigkeit zu Empathie und Solidarität, dafür zuallererst braucht der Mensch Bildung. Und für die Gesellschaft postuliert ihr erster Repräsentant: Das muss sie für alle wollen.

Es ist alles andere als banal oder abgegriffen, wenn über dieser Rede steht: Bildung für alle. Gegenüber den Kindern und Heranwachsenden verletzen wir das aus der Mode gekommene Gleichheitsideal des christlichen und aufgeklärten Abendlandes fahrlässig, täglich und absolut unempathisch. Die Zahl der Schul- und Ausbildungsabbrecher oder die mangelnden Deutschkenntnisse der Migrantenkinder beklagen wir allenfalls als Ressourcenverlust.

Viel schwerer aber wiegt, dass eine Gesellschaft, die einer wachsenden Zahl von Kindern den Weg in ein selbstbestimmtes Leben vorenthält, ihr eigenes Wertegerüst unterhöhlt. Die Chancenlosigkeit vieler Migrantenkinder steht in einem scharfen Kontrast zu den von uns behaupteten Werten und Idealen. Bildung ohne Herzensbildung, hat der Bundespräsident gesagt, sei keine. Eine Gesellschaft, die kaum bemerkt und schon gar nicht verhindert, wenn zehn Prozent ihrer Kinder das Recht auf Bildung versagt bleibt, zeigt einen eklatanten Mangel an der Bildung ihres Herzens. Sie wird es schwer haben, gegenüber Zugewanderten aus anderen Kulturen die eigene Kultur glaubhaft zu vertreten.

Das Individuum hat Köhler in den Mittelpunkt gestellt, und deshalb hat er auch den richtigen Ton gefunden, Bildungsanstrengungen von jedem Einzelnen zu fordern. Schüler müssen sich anstrengen, Migranteneltern sollen mit ihren Kindern auch deutsch sprechen. Vieles in dieser Rede ist dabei gewissermaßen bildungspolitischer Konsens: die Bedeutung der deutschen Sprache, frühes Lernen, ein kostenfreies verbindliches Kindergartenjahr, eine Schule, die Standards verpflichtet ist, diese aber autonom erreichen kann. Doch verwirklicht ist das alles eben nicht. Deshalb ist es für Eltern, Lehrer, Wissenschaftler nützlich, sich auf die höchste Instanz im Staat berufen zu können. Auch wenn es um die harten Fragen geht: Bildung kostet Geld. Köhler hat den Ländern, die mit der Föderalismusreform die schulische Bildung ganz an sich gezogen haben, ein deutliches Wort aufgetragen. Die Verbesserung des Bildungswesens sei ein „zentraler Prüfstein für die Zukunftsfähigkeit unserer bundesstaatlichen Ordnung“.

Der Bundespräsident hat keinerlei Zugriff, keinen formalen Weg, diese Rede praktisch einzulösen. Doch die Bildungsdebatte hat jetzt einen Rahmen, der schaffen kann, was bisher fehlt – Verbindlichkeit und Maßstäbe für die staatlichen Ebenen, die für die Schulen zuständig sind. Man soll Bundespräsidentenreden nicht überschätzen. Oft dauert es Jahre, bis sie wirken. Zu den bedeutenden „Berliner Reden“ zählt die von Johannes Rau zur Integration. Wirklich beachtet wird ihr weitsichtiger Inhalt erst heute. Horst Köhler hat an das Tempo erinnert, mit der Humboldts Preußen die Volksbildung revolutioniert hat: ein gutes Vorbild.

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