Politik : LESESTOFF

Helmuth Graf von Moltke: Im Land der Gottlosen. Tagebuch und Briefe aus der Haft 1944/45. C.H. Beck-Verlag, München 2009. 350 Seiten, 24,90 Euro.

Ein 36-jähriger Gefangener skizziert mit ein paar Strichen seine Zelle, beschreibt sie detailliert, berichtet von seinen Bemühungen, für Ordnung und Sauberkeit und so etwas wie Fitness in der Enge zu sorgen. Er hält seinen Tagesablauf fest, erzählt von seiner Bibellektüre, seiner Verpflegung und den Verhören und schreibt dann: „Merkwürdigerweise scheine ich hier als interessant zu gelten. Was man sich von mir verspricht, weiß der liebe Himmel …“ Die Gestapo ahnte zu diesem Zeitpunkt erst, wen sie da vor sich hatte. Helmuth James von Moltke war Gutsherr und Jurist, ein Völkerrechtler, der noch in der Haft Gutachten für das Oberkommando der Wehrmacht verfasste. Moltke war aber zugleich auch der Begründer und führende Kopf des Kreisauer Kreises, der bedeutendsten Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime, einem Kreis aus Christen und konservativ-sozialen Schichten. Im Januar 1944 war Moltke verhaftet worden – ein halbes Jahr vor dem Attentat auf Hitler am 20. Juli. Bis Anfang Februar hatte er im Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamtes in der Prinz-Abrecht- Straße 8 zu verbringen. Dort begann er sein Tagebuch, im Konzentrationslager Ravensbrück vor den Toren Berlins führte er es bis zum August 1944 fort. Wie durch ein Wunder blieb es erhalten, Ehefrau Freya bekam es ausgehändigt. Nun sind diese Notizen (zusammen mit Briefen aus der Haftzeit) in einer umfangreichen Dokumentation veröffentlicht worden. Die quälenden Monate bis zum Todesurteil werden auf berührende Weise gegenwärtig. Im letzten Brief aus dem Tegeler Gefängnis schreibt Moltke am 11. Januar 1945: „Mein Leben ist vollendet, und ich kann von mir sagen: er starb alt und lebenssatt.“ Am Vortag hatte Moltke vom geifernden Chef des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, sein Todesurteil erhalten. Am 23. Januar 1945 wird Moltke in Plötzensee hingerichtet, er ist 37 Jahre alt. Der Dokumentationsband liefert unverfälschte und authentische Zeugnisse eines mutigen und gläubigen Menschen, der sich in gottloser Zeit gegen die Verbrechen stemmte. Eine aufregende Lektüre. steb

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