Politik : Lettland: Der baltische Staat tut sich schwer mit seiner Vergangenheit

Alexander Loesch

Über die drei baltischen Völker haben sowohl NS-Deutschland als auch Stalins Russland viel Leid gebracht. Doch auch die Balten haben Schuld auf sich geladen: die der Holocaust-Mittäter. Mit diesem Erbe tun sich besonders die Letten schwer. Jetzt treten sie die Flucht nach vorn an, um hinter der Glorifizierung ihres Verteidigungskampfs gegen Moskau die eigene Schuldfrage zu verstecken. So wirkt zumindest die jüngste "Helden-Ehrung", die in Lestene bei Riga stattfand. Dort wurde Anfang November in Anwesenheit des lettischen Verteidigungsministers Girts Kristovskis ein Denkmal für die 146 000 Männer eingeweiht, die 1943 und 1944 als Lettische Legion der Waffen-SS gegen die Sowjetunion gekämpft hatten.

Empörung ist die Reaktion des Auslands, zumal weitere 54 000 Letten in der Zeit der deutschen Besatzung des Baltikums in Polizeibataillonen dienten, die den Massenmord an mehr als 70 000 lettischen Juden mitzuverantworten haben. Lettlands offizielle Stellen wiegeln ab. Plump war die Reaktion von Regierungschef Andris Berzins, der meinte, sein Verteidigungsminister habe an der Einweihungsfeier als "Privatperson" teilgenommen; außerdem solle man das Denkmal nicht mit "konkreten historischen Ereignissen verknüpfen". Differenzierter äußerte sich Staatspräsidentin Vaira Vike-Freiberga: Sie gab die lettische Mitschuld am Holocaust zu - betonte aber zugleich, der sowjetische Sieg 1945 sei für die Letten kein Grund zur Freude gewesen.

Für Lettland und sein Nachbarn Estland und Litauen begann 1940 ein Leidensweg. Die Ostseestaaten waren als Folge des Hitler-Stalin-Pakts dem sowjetischen Herrschaftsbereich zugeschlagen und von Moskaus Truppen besetzt. Allein aus Lettland wurden damals 27 000 Angehörige der nationalen Elite nach Sibirien verschleppt und zum Teil ermordet. Das war der fatale Grund, warum der deutsche Einmarsch 1941 von vielen Letten als Befreiung empfunden wurde. Für ihre jüdischen Mitbürger war es aber das Ende. Nur 1200 von ihnen überlebten den Holocaust.

Beachtenswert ist, dass es gerade die Juden sind, die heute Nachsicht gegenüber ihren lettischen Landsleuten zeigen, welche vielfach Opfer und Täter zugleich wurden. So spricht der 75-jährige Historiker Margeris Vestermanis von einer "Konkurrenz im Leid" zwischen Juden und Letten, die die letzteren dazu verleite, die eigene Mitschuld zu verdrängen. Vestermanis, der selbst mit Hilfe von Letten dem Holocaust entkommen konnte, lehnt nachdrücklich pauschale Urteile ab. Dabei verweist er auf viele mutige Menschen, die Juden versteckten oder ihnen zur Flucht verhalfen. In der so genannten "Lettischen SS-Freiwilligen-Legion" seien außerdem zum großen Teil Zwangsrekrutierte gewesen, viele hätten desertiert.

Das Hauptproblem bei der Aufarbeitung der Vergangenheit sieht Vestermanis darin, dass seine lettischen Historiker-Kollegen und große Teile der lettischen Öffentlichkeit in ihrer Trauer um die Opfer des sowjetischen Terrors nicht zwischen unschuldigen Zivilisten und Kriegsverbrechern unterscheiden. So lange unter den Märtyrern Lettlands auch Mörder von Juden seien, bleibe die Versöhnungsarbeit schwierig.

Russland protestiert gerne gegen "Verfolgung von Veteranen des antifaschistischen Kampfes" im Zweiten Weltkrieg, wenn in Lettland heute lebende ehemalige Schergen Stalins vor Gericht gestellt werden.

Auch versucht Moskau, mit der Anschuldigung, die russische Minderheit werde in Lettland unterdrückt, das Land als nicht Europa-tauglich zu brandmarken. Mit der Errichtung des Denkmals in Lestene und der alljährlichen Parade lettischer Kriegsveteranen erweist sich aber Lettland selbst einen Bärendienst. Das um einen EU-Beitritt bemühte Land bietet nicht nur den Strategen Moskaus zusätzliche Angriffsflächen.

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