Politik : Lettland

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Girts Salmgriezis,


Generation 25

Ich denke, dass die Europäische Union einem jeden EU-Bürger Möglichkeiten eröffnet. Die Mitgliedschaft in der Europäischen Union ist nicht nur die Arbeit von EU-Institutionen. Europa bedeutet für mich mehr... Das ist der wunderbare Kaffee in Rom, der überraschende Pariser Charme, der belebte Alltag in London. Hm, und was noch? Europa hört nicht damit auf, jeden Tag mit seiner Vielfalt und seinem Entwicklungstempo zu überraschen. Ich bin vermutlich noch zu jung, um das Geheimnis der Vielfalt Europas zu entdecken. Aber auch fünfzig Jahre genügen wohl nicht, um den Code Europas zu knacken.

Der Autor, Jahrgang 1978, ist Radiojournalist. Übersetzt aus dem Lettischen von Jens Udo Grabowski.

 

 

Sandra Kalniete,
Generation 50

Für den größten Teil meiner Generation ist das Wissen über den westeuropäischen Krieg und sogar dessen Folgen theoretischer Natur. Ich empfinde den Krieg, ebenso wie die meisten Osteuropäer, als Teil meiner persönlichen Erfahrung, weil wir gezwungen waren, 50 lange Jahre hinter dem eisernen Vorhang in der Macht eines blutigen, totalitären Regimes zu verbringen. Für uns endete der zweite Weltkrieg in Wirklichkeit mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Abzug der russischen Streitkräfte aus den baltischen Staaten. Als die osteuropäischen und die baltischen Staaten am 1. Mai 2004 der Europäischen Union beitraten, wurden endlich die letzten Spuren des Zweiten Weltkriegs von der geographischen und der politischen Karte Europas gelöscht und Europa wieder vereint.

Als ich sah, wie vor den Vertretungen Europas die lettische Fahne im Wind wehte, wechselten sich in meinem Herzen Freude und Trauer ab. Ich empfand dies als meinen persönlichen Erfolgsmoment über die geschichtliche und geopolitische Fügung, deren Opfer mein Land und mein Volk wurden.

In diesem Freudenmoment musste ich auch an meine sinnlos im Gulag umgekommenen Großeltern und die in Sibirien ruinierte Jugend und Gesundheit meiner Mutter und meines Vaters denken. Ja, ich bin im Gulag geboren, in den die Sowjetmacht nach der Okkupation Lettlands 1940 mit Zehntausenden anderer unschuldiger Letten, Esten und Litauer auch die Familien meiner Eltern deportiert hat. Vom Augenblick meiner Geburt an war ich für die Unfreiheit bestimmt, aber die Geschichte hat es anders beschlossen. 40 Jahre später hatte ich das Glück, eine der Anführerinnen der nationalen Befreiungsbewegung zu sein und mit meinem Kampf um die Unabhängigkeit Lettlands den Zusammenbruch des „Imperiums des Bösen“, der Sowjetunion, zu beschleunigen.

Eben meine persönliche Erfahrung hat mich zu einer überzeugten Europäerin gemacht, die Toleranz und Achtung gegenüber den Menschenrechten als höchste Werte ansieht. Ich bin überzeugt davon, dass es für die baltischen Staaten, ebenso wie für Osteuropa, keinen anderen Weg gibt, als ein Teil der Europäischen Union zu sein.

Ich bin auch davon überzeugt, dass es für die Europäische Union unter den Verhältnissen der Globalisierung keinen anderen Weg gibt, als den Visionen Robert Schumans und Jean Monets von der Europäischen Union als „ever closer union“ zu folgen. Ich sehe die Europäische Union als eine Vereinigung von Nationalstaaten, die sich in ihrem politischen und wirtschaftlichen Potenzial einander annähern, um ihren Einfluss in der Welt zu vergrößern.

Ich bin davon überzeugt, dass wir, wenn wir offen reden und einander aufmerksam zuhören, einen Ausweg aus der Sackgasse finden, in die wir nach dem „Nein“ Frankreichs und der Niederlande zur EU-Verfassung geraten sind. Wir alle gemeinsam müssen ein neues europäisches Bewusstsein schaffen und den europäischen Werten zu neuen Ehren verhelfen. Wir sind Deutsche, Polen, Franzosen, Letten und zugleich sind wir alle Europäer. Jeder von uns ist Bürger seines Staates und wir alle sind Bürger Europas.

Die Autorin, Jahrgang 1952, wurde in Togur (Russland) geboren. Sie war lettische Außenministerin und die erste weibliche EU-Kommissarin Lettlands. Nach ihrem Studium ging sie 1988 innerhalb der lettischen Unabhängigkeitsbewegung in die Politik.

 

Gunars Placens,
Generation 75

Ich habe in meinem Leben Vieles miterlebt. Ich habe die Zeit unter dem lettischen Staatspräsidenten Karlis Ulmanis und den Zweiten Weltkrieg erlebt. Wenn ich die Mitgliedschaft Lettlands in der Europäischen Gemeinschaft bewerten soll, dann muss ich anerkennen, dass sich an einigen Orten die Straßenqualität verbessert hat, aber zugleich ist es in Lettland aufgrund der Zuckerreform der Europäischen Union nicht möglich, den von unseren Landwirten hergestellten Zucker zu kaufen. Es gibt Gewinne und Verluste. Aber es ist erfreulich, dass Lettland in der EU ist, und dies wiederum garantiert unserem Staat Frieden und Sicherheit im 21. Jahrhundert.

Der Autor, Jahrgang 1927, ist einer der bekanntesten lettischen Schauspieler. Übersetzt aus dem Lettischen von Jens Udo Grabowski.

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