Politik : Letzte Ausfahrt Parkplatz

Ein Schweizer Unternehmen hilft Sterbewilligen – und stößt dabei an Grenzen

Klaus Wallbaum[Hannover]

Die Schweiz ist aufgewühlt: Zwei Deutsche haben sich in einem Auto das Leben genommen – die Sterbehilfeorganisation Dignitas assistierte den beiden „Patienten“. Der „Blick“, die größte Zeitung des Landes, schreibt: „Die Leichen saßen in ihren Autos. Auf einem Kiesparkplatz im Wald.“ Der Bestatter hätte die Toten aus den Wagen ziehen müssen. Es sei „pietätlos“ gewesen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft ist das Handeln von Dignitas nicht strafbar. Jeder könne wählen, wo er sterben möchte, sagte Vollenweider.

Der Suizid hinter dem Steuer markiert den neuen Höhepunkt einer Freitoddebatte in der Schweiz: Wo sind die Grenzen der Sterbehilfe? Darf Dignitas den „Sterbetourismus“ fördern? Eine Mehrheit der Schweizer lehnt laut Umfragen den Sterbetourismus ab. Vorstöße von Politikern, die passive Sterbehilfe für Nichtschweizer verbieten zu lassen, scheiterten jedoch bislang. Assistenz beim Freitod ist in der Schweiz dann erlaubt, wenn die Helfer keine eigennützigen Motive haben. Die umstrittenen Freitodhelfer stehen vor einem Problem: Sie finden keine Orte mehr, an denen sich die Patienten das Leben nehmen können. Der Tod in der Nachbarschaft stößt auf.

Jahrelang bot Dignitas die Freitodbegleitung in der Zürcher Gertrudstraße an: Dort hatte die Organisation eine karge Wohnung gemietet. An der Wand stand ein Krankenhausbett. Ein kleiner Tisch, Stühle, eine Einbauküche und Bilder komplettierten die Einrichtung. Von draußen drang der Lärm der Stadt in das Sterbezimmer. Fast täglich erschienen die Lebensmüden in dem Appartement. Nach dem Freitod kamen die Bestattungsunternehmen, holten die sterblichen Überreste ab. Doch je mehr Leichen die Gertrudstraße verließen, desto mehr wuchs der Unmut der Anwohner: Das „Todeshaus“ ruiniere den Ruf des Viertels, Dignitas-Gründer Ludwig Minelli solle mit seiner „Todesfirma“ verschwinden. Damit begann eine Irrfahrt: Mal mietete Minelli ein Hotelzimmer an, mal ging er in ein Gewerbezentrum. Minelli holte die Verzweifelten sogar in seine Wohnung, damit sie dort aus dem Leben scheiden konnten. Doch immer wieder hagelte es Proteste. Eine Gemeinde verbot das Tun. Jetzt endete die Hatz von Dignitas und der Todeskandidaten auf einem Parkplatz. Die beiden deutschen Männer waren 65 und 50 Jahre alt.

Dass Dignitas inzwischen von Hotelzimmern auf Parkplätze ausweiche, sei „nicht nur unglaublich zynisch, das ist menschenverachtend“, sagt der Geschäftsführende Vorstand der Deutschen Hospizstiftung, Eugen Brysch. Nun zeige sich, was die Schweizer Sterbehelfer wirklich im Sinn hätten: „einer wahnwitzigen Idee zu folgen und damit Geschäfte zu machen“. Als Reaktion darauf sei politisches und juristisches Handeln gefragt. Die Provokation eines assistierten Suizids auf dem Parkplatz dürfe „gerade nicht dazu führen, assistierten Suizid unter anderen Bedingungen für würdevoll zu halten und einen juristischen Musterprozess, wie ihn Dignitas anstrebt, heraufzubeschwören“, warnt der Stiftungschef.

Gleichzeitig aber steigt die Nachfrage nach den Diensten der Sterbehelfer rasant an. Ludwig Minelli, Dignitas-Generalsekretär, spricht von „erheblichen Wachstumsraten“. Allein 2006 hat die Zahl der Fälle bei Dignitas um rund 50 Prozent zugenommen. 196 Menschen hat Dignitas im vergangenen Jahr in den Tod begleitet, 120 davon stammten aus Deutschland. Unter den prominentesten Sterbewilligen ist derzeit Noel Martin, jener schwarze Brite, der vor mehr als elf Jahren in einem Berliner Vorort von Neonazis so zugerichtet wurde, dass er sein Leben nun nicht mehr lebenswert findet. Für todeswillige Schweizer bieten Dignitas wie auch die Konkurrenzorganisation Exit, die nur Einheimischen zur Verfügung steht, Hausbesuche an. Insgesamt habe Dignitas etwa 600 Menschen auf dem Weg zum Sterben geholfen, heißt es bei der Organisation selbst.

Die Fahrkarte in den Tod kostet 7500 Franken, umgerechnet rund 4900 Euro. Ein Arzt kann einem unheilbar Kranken ein tödliches Gift verschreiben, dieser muss die Dosis jedoch eigenständig zu sich nehmen. „Gestorben wird jederzeit und überall“, sagt Minelli.

1998 hatte er in Zürich die Organisation Dignitas gegründet, die Menschen „Freitodhilfe“ leistet. Ohne Minelli gäbe es Dignitas vermutlich keinen Tag länger. Macht es ihm etwas aus, einem Menschen gegenüberzutreten, von dem er wisse, das der schon bald tot sein werde? Minelli schüttelt energisch den Kopf: „In kosmischen Zeitspannen gerechnet, geht mir dieser Mensch höchstens um zwei Sekunden voran.“

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