Politik : Letzte Ausfahrt Stockholm

Deutsche Arbeitslose auf Jobsuche in Schweden

Sven Lemkemeyer

Berlin - Etwas mulmig war Daniel Bohl schon. Der 23-Jährige aus Reinberg bei Stralsund hat seine Koffer gepackt und sich auf den Weg nach Schweden gemacht. Der junge Mann aus Mecklenburg-Vorpommern macht dort keinen Urlaub – für den gelernten Steinmetz ist es, so hofft er, der erste Schritt aus der Arbeitslosigkeit. Er absolviert in einem großen Steinmetzbetrieb ein vierwöchiges Praktikum, an dessen Ende, wenn alles gut läuft, ein Arbeitsvertrag winkt.

„Ich bin seit Anfang Januar arbeitslos, für mich gibt es zu Hause absolut keine Perspektive“, sagt Bohl. Seine Deutschlandtournee mit Arbeitsplätzen in Erfurt, Wuppertal und Hamburg im vergangenen Jahr hatte nicht den erhofften festen Job gebracht. „Ein Bekannter gab mir den Tipp, dass in Schweden Leute gesucht werden: Da habe ich mir gedacht, ich probier es mal.“ Daniel Bohl bewarb sich für ein Trainingsprogramm des Landes Mecklenburg-Vorpommern – mit Erfolg. Wie Bohl wurden 50 andere junge Fachkräfte seit Mai vier Monate lang auf die Chance vorbereitet, in Dänemark, Schweden, Norwegen oder Finnland einen regulären Job zu bekommen. Dort ist nicht nur die Arbeitslosigkeit vergleichsweise gering – in Schweden liegt sie bei fünf Prozent. Es haben auch rund 80 Prozent der schwedischen Schulabgänger Abitur, eine klassische Lehre erscheint den meisten unattraktiv. In einigen Branchen fehlen deshalb Arbeitskräfte. Gesucht werden junge Handwerker in der Baubranche, Fachkräfte in sozialpflegerischen Berufen und im Gesundheitswesen.

In Mecklenburg-Vorpommern dagegen liegt die Arbeitslosenquote mit mehr als 20 Prozent weit über dem Bundesdurchschnitt (11,4 Prozent). Besonders betroffen ist der Nachwuchs: Bei den 20- bis 25-Jährigen liegt der Anteil derer, die nach ihrer Ausbildung eine Beschäftigung suchen, nach Angaben des Arbeitsministeriums in Schwerin bei fast 30 Prozent. Die Hälfte der betroffenen 23000 jungen Frauen und Männer bezieht Arbeitslosengeld II, der Anteil derer mit abgeschlossener Ausbildung liegt bei 70 Prozent. So seien im vergangenen März 1648 Maler im Alter zwischen 20 und 25 arbeitslos gemeldet gewesen, während es in den skandinavischen Ländern 1488 freie Stellen in diesem Berufszweig gegeben habe. Noch dazu ist der Verdienst in Schweden höher. Der Stundenlohn eines Facharbeiters liegt bei etwa 13,50 Euro brutto.

300 jungen Fachkräften will die Landesregierung in Schwerin in dem zunächst auf ein Jahr begrenzten Programm die Möglichkeit geben, sich für einen Arbeitsplatz in Skandinavien zu qualifizieren. Dafür stehen knapp eine Million Euro zur Verfügung. Durchgeführt werden die Vorbereitungskurse von drei privaten Bildungsträgern.

Einer davon ist die Schwedenkontor GmbH in Greifswald. Dort werden seit 2001 Arbeitssuchende auf einen Wechsel nach Schweden vorbereitet, mehr als 200 konnten bisher dorthin vermittelt werden. „Das Training bei uns dauert drei bis vier Monate“, sagt Rainer Schwenke, einer der beiden Geschäftsführer. Zunächst erlernen die Teilnehmer in 400 Schulstunden Grundkenntnisse des Schwedischen. „Wieder die Schulbank zu drücken, ist für die meisten aus dem Handwerk eine große Herausforderung“, sagt Schwenke. Außerdem stehen Landeskunde und Antworten zu Alltagsfragen auf dem Lehrplan: Wie viel Steuern muss man zahlen? Wie läuft das mit der Krankenversicherung? Es folgt eine einwöchige Exkursion ins Land selbst. Schließlich vermittelt das Schwedenkontor, das nach eigenen Angaben Kontakt zu mehr als 100 Unternehmen vom kleinen Handwerksbetrieb bis zum Autoriesen Scania hat, ein vier- bis sechswöchiges Praktikum wie für Daniel Bohl. Meistens mit Erfolg: „Etwa 90 Prozent bekommen anschließend einen Arbeitsvertrag“, sagt Schwenke. Trotz der guten Quote sieht er auch die Probleme: „Für die meisten ist es ein enormer Schritt, Familie und Freunde hier zu lassen. Jeder hat da irgendwann mal eine Krise.“ Daher sei die Vorbereitung der Teilnehmer irgendwie auch Sozialarbeit. „Wir versuchen, die besonderen Fähigkeiten des Einzelnen herauszufinden. Wir schauen, wer ist von der Psyche her stark genug, um in einem großen, vielleicht etwas anonymeren Unternehmen zu arbeiten, und wer ist besser in einem Familienbetrieb aufgehoben.“ Von den 45 jungen Leuten, die an der ersten Runde des Landesprogramms teilgenommen haben, befänden sich 18 bereits in Praktika. „Wenn insgesamt 20 mittelfristig in Schweden bleiben, wäre das ein großer Erfolg.“

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