Politik : Letzte Zuflucht Strand

Eingesperrt im Autonomiegebiet: Die Einwohner von Gaza können nur ans Meer fliehen. Über die Hälfte ist arbeitslos, das Notwendigste zum Essen bleibt unbezahlbar

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Von Charles A. Landsmann, Gaza

Der Markt von Gaza ist voller Menschen – doch es ist kein einziger Käufer auszumachen, nur Verkäufer. Jeder versucht ein paar israelische Schekel zu verdienen, keiner besitzt genug, um etwas zu kaufen. Die katastrophale Wirtschaftslage im am dichtesten bevölkerten Landstrich der Welt offenbart sich schon bei der Fahrt zum Markt. Wo früher im Stau ungeduldig gehupt wurde, herrscht heute freie Parkplatzwahl. Ganze drei Schekel (65 Cent) kostete noch vor drei Wochen ein Karton Tomaten, der 15 Kilo Ware enthielt. Jetzt – zum Saisonende – verlangen die Händler 2,5 Schekel pro Kilo; im Vorjahr waren es zum gleichen Zeitpunkt sieben Schekel gewesen. Doch niemand kauft.

Irrwitzig ist auch die Situation auf der vom Palästina-Platz abbiegenden Hauptgeschäftsstraße Omar Mukhtar, wo die Geschäftsinhaber vor den Läden stehen und auf Kunden warten. Der Verkehr auf der Straße ist zähflüssiger denn je, denn auf beiden Seiten sind unzählige Verkaufsstände aufgestellt worden. Manche Händler haben ihre Ware auf dem Asphalt ausgebreitet: „Alles illegal, aber unvermeidlich“, heißt es von offizieller Seite, weshalb auch die herumschlendernden Polizisten nichts gegen die wilden Händler unternehmen. „Würde ich einem sagen, er soll mit seiner Ware verschwinden, dann bekäme ich nur die Antwort: Gerne, wenn du mir zuvor Arbeit besorgst“, sagt einer.

Doch die meisten Arbeitslosen in der 400 000-Einwohner-Stadt bleiben zu Hause. Für etwas Leben in den wie ausgestorben in der Sommerhitze daliegenden Wohnvierteln sorgen Kindergruppen. Internationale und palästinensische Organisationen veranstalten für sie Sommercamps, meist sind sie unterwegs in einen Park, ins Kino und vor allem an den Strand. Ohne diesen Strand wäre Gaza nicht auszuhalten, man ahnt, wie dreckig es den Einwohnern von Rafiah am südlichen Ende des Gaza-Streifens geht: Im Süden und mitten durch die Stadt zieht sich die Grenze zu Ägypten, im Osten der Grenzzaun zu Israels Negevwüste, gegen Norden die Absperrung der israelischen Armee auf der Straße nach Gaza; im Westen verhindern Siedler und Soldaten den Zugang zum Mittelmeer. Für die Stadt Gaza hingegen ist der Strand die Überlebensader: Tausende Familien haben hier für drei, vier Sommermonate ihre Zelte aufgeschlagen, flüchten aus engen Wohnungen und Flüchtlingslagern.

Mindestens 50 Prozent, nach anderen Angaben weit über 60 Prozent, beträgt die Arbeitslosenrate unter ihnen. Adeeb Sarouy, 40-jährig und siebenfacher Vater, ist einer der Verzweifelten, die darauf warten, wieder in Israel arbeiten zu können. Seit 1978 verdiente der Elektriker sein Geld im Großraum Tel Aviv – auch als Metallarbeiter und Bügler. „Es ging mir glänzend“, sagte er, bei einem Lohn von bis zu 250 Schekel am Tag, was rund 140 Mark entsprach. Nach Ausbruch der „Al-Aksa-Intifada“ Ende September 2000 versuchte er in Gaza noch etwas als Elektriker und Bügler zu verdienen, bis er vor acht Monaten sein Geld zusammenkratzte und ein Geschäft für Satellitenantennen aufmachte. Doch die letzte Anlage hat er vor drei Wochen verkauft. „Was ich in Israel am Tag verdiente, nahm ich hier nicht einmal in guten Zeiten in zwei Wochen ein.“

Hilfe kommt in erster Linie von den UN. Sarouy bekommt für seine Familie Reis, Mehl, Zucker, Linsen und Öl in monatlichen Rationen. Dazu die Hilfe von der Hamas: „Alle islamischen Organisationen helfen, alle weltlichen nicht“, sagt er. Und die Autonomieregierung? „Zweimal haben sie mir über die Gewerkschaft 500 Schekel zukommen lassen.“

Nachdem er große Hoffnung in Arafat und die Autonomiebehörde gesetzt hatte, ist Sarouy jetzt frustriert. Die kommenden Wahlen will er boykottieren: „Ich habe in niemanden mehr Vertrauen. Nabil Shaat, Erekat und auch Arafat sollen endlich für uns einfache Leute etwas tun.“ Keine Vorwürfe an die Hamas, deren Terroranschläge die israelischen Absperrungen und Strafmaßnahmen ausgelöst haben. „Israel ist schuld, denn wer mir eine Ohrfeige austeilt, kann nicht erwarten, dass ich nichts tue. Ich schlage zurück.“

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