Politik : Letzter Ausweg Religion

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Von Ruth Ciesinger

Armut führt nicht zu Terrorismus. Das Argument, das seit dem 11. September der Entwicklungshilfe zu mehr Aufmerksamkeit verhilft, sei ein Trugschluss, sagt Jutta Limbach. Nun steht die Präsidentin des Goethe-Instituts Inter Nationes nicht im Verdacht, die Hilfe für Drittwelt-Länder in Frage stellen zu wollen. Aber, sagt sie, und beruft sich dabei unter anderem auf eine Studie der Harvard-University, Arbeitslosigkeit und eine verzweifelte soziale Lage sind nicht die alleinigen Bedingungen, die vor allem junge Männer zu Terroristen werden lassen. Ausschlaggebend seien „versagte soziale Anerkennung und die Erfahrung von Demütigung“.

Die Konferenz des „International Dialogue Berlin“, die zum dritten Mal im Rahmen einer UN-Initiative stattfindet, beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Armut und Gewalt. Limbach will das Problem differenzierter angehen. Bitterarme Länder wie das afrikanische Mali hätten keine Terroristen hervorgebracht, „die Gewaltbereitschaft erwächst aus der erlebten Kränkung, nicht aus purer Not“, sagt sie. Friedemann Büttner von der Freien Universität Berlin bestätigt das am Beispiel Ägypten. Bereits in den 80er Jahren hätten Umfragen gezeigt, dass junge Akademiker, denen wegen wirtschaftlicher oder politischer Gegebenheiten im Land alle Aufstiegsmöglichkeiten verwehrt blieben, besonders aggressiv seien. „Die Parallelen zum Attentäter Mohammed Atta“ seien nicht zu übersehen. In autoritär geführten Regimen bliebe nur die Religion als Möglichkeit zur Opposition, ergänzt Ulrich Schneckener von der Stiftung für Wissenschaft und Politik.

Doch Limbach besteht auch auf dem Blick ins eigene Land. Rasterfahndungen über sich ergehen lassen zu müssen, nur weil man ein reisefreudiger, muslimischer Student ist, Kontrollen durch die Sicherheitsbehörden ohne jeden Verdacht, bedeuten ihrer Ansicht nach genau so eine „versagte soziale Anerkennung“. Was die für Folgen haben kann, ist auch bei deutschen Jugendlichen zu sehen. Warum gibt es denn mehr neo-nazistische Übergriffe in Ostdeutschland als im Westen, fragt die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts und antwortet: „Weil sie sich deklassiert fühlen.“

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