Libanon : Hariri-Mord: Der Aufschrei der Empörung ist verhallt

Am Sonntag jährt sich die brutale Ermordung des langjährigen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri zum fünften Mal. Die mysteriöse Tat beschäftigt immer noch ein UN-Sondertribunal in Den Haag. Doch der politische Aufruhr hat sich gelegt - es dominiert wieder nüchternes Kalkül.

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BeirutSie war die spektakulärste Bluttat seit Ende des libanesischen Bürgerkriegs. Am 14. Februar 2005 legte eine gewaltige Bombe nahe der Corniche von Beirut eine Häuserzeile in Schutt und Asche. Mitten auf der Straße klaffte ein riesiger Krater. Der Selbstmordanschlag galt dem Milliardär und langjährigen Ministerpräsidenten Rafik Hariri. Der 61-Jährige war sofort tot, mit ihm starben 22 Menschen. Zahlreiche Autofahrer wurden in ihren brennenden Fahrzeugen eingeklemmt, mehr als hundert verletzt. Am Sonntag jährt sich nun zum fünften Mal dieser brutale Mord, der in der arabischen und westlichen Welt einen Aufschrei der Empörung auslöste. Wieder werden zehntausende Libanesen zum Gedenken auf dem Märtyrer-Platz im Zentrum der Hauptstadt zusammenkommen, auch wenn sich der politische Aufruhr, der in der Zedernrevolution gipfelte, weitgehend gelegt hat.

1,5 Millionen Menschen campierten damals aus Protest auf den Plätzen Beiruts. Sie machten Syrien für die teuflische Tat verantwortlich und forderten ein Ende der militärischen Besatzung. Eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen unter der Leitung des deutschen Ermittlers Detlev Mehlis kam in einem ersten Bericht zu dem Schluss, dass Teile der libanesischen Sicherheitskräfte ihre Hände mit im Spiel hatten und deutliche Spuren nach Damaskus führten. Washington zog daraufhin seinen Botschafter aus Syrien ab. Die ehemalige Mandatsmacht Frankreich verhängte eine diplomatische Kontaktsperre. Und der bedrängte Präsident Bashar Assad lieferte sich mit Saudi-Arabien erregte Wortwechsel. Die Libanesen schließlich wählten mit der "Allianz 14. März" eine sunnitisch-prowestliche Koalition an die Macht. Syrien dagegen musste nach 29 Jahren seine Truppen auf internationalen Druck aus dem kleinen Nachbarland abziehen - eine schmähliche Niederlage.

Fünf Jahre später dominiert wieder nüchternes politisches Kalkül. Syrien verfügt mit der Hisbollah nach wie vor über mächtige Freunde, auch wenn es seinen Einfluss im Libanon heute indirekter und subtiler ausübt. Das im März 2009 eingesetzte UN-Sondertribunal in Den Haag setzte als eine der ersten Amtshandlungen die vier verhafteten libanesischen Generäle auf freiem Fuß. Und auf der internationalen Bühne ist Damaskus wieder eine gefragte Adresse. Politiker der Europäischen Union machen regelmäßig ihre Aufwartung, Washington ernannte einen neuen Botschafter. Saudi-Arabiens betagter König Abdullah reiste im letzten Oktober zum ersten Mal in seiner Thronzeit nach Damaskus. Der langjährige Rivale Türkei wiederum erklärte sich bereit, Syriens indirekte Friedensgespräche mit Israel zu vermitteln. "Wenn man wirklich Frieden in der Region will, kann man mich nicht isolieren, ich bin ein Teil der Lösung", erklärte der umworbene syrische Staatschef selbstbewusst.

Im August letzten Jahres vereinbarte Libanons Präsident Michel Suleiman bei seinem "historischen Besuch" in Damaskus zum ersten Mal in der Geschichte beider Länder den Austausch von Botschaftern. Kurz vor Weihnachten folgte ihm Hariri-Junior als frisch gebackener Ministerpräsident. Mit seinem Besuch aber setzte ausgerechnet der 39-jährige Sohn des Opfers einen vorläufigen Schlusspunkt unter das mysteriöse Mordkapitel. Denn er weiß, dass in Beirut auch weiterhin nichts geht gegen den Willen von Damaskus. "Negative Gefühle nützen weder Syrien noch Libanon", erklärte der Regierungschef, den die Hisbollah vor seiner Wahl monatelang im Beiruter Parlament zappeln ließ. "Wir sollten aus der Vergangenheit lernen, positiv in die Zukunft schauen und neue Horizonte für beide Länder erschließen", sagte er Seite an Seite mit seinem Zwangspartner Assad.

Auch die Vorwürfe, Syrien stecke hinter dem Mord an seinem Vater, kommen Saad Hariri nicht länger über die Lippen. Er vertraue auf die Arbeit des UN-Sondertribunals, heißt es knapp aus seiner Umgebung. Dem Gerichtshof in Den Haag jedoch sind in letzter Zeit schon zwei seiner wichtigsten Mitarbeiter durch Rücktritt abhanden gekommen. Entsprechend kühl war der Empfang für Gerichtspräsident Antonio Cassese, als er kürzlich zum ersten Mal den Libanon besuchte. "Das Tribunal lebt und ist absolut gesund", versuchte er in einem Interview mit der Zeitung As-Safir die Skeptiker zu besänftigen. Im Libanon jedoch winkte man bereits enttäuscht ab. "Noch ist das Tribunal nicht tot", antwortete ihm ein Kommentator. "Aber es ist schon fast tot."

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