Libanon : Siniora: Hisbollah entwaffnen

Der libanesische Ministerpräsident Siniora hat die internationale Gemeinschaft um Unterstützung gegen die Hisbollah-Miliz gebeten: "Die ganze Welt soll uns helfen, die Hisbollah zu entwaffnen."

Beirut/Jerusalem/Rom - "Die Hisbollah ist ein Staat im Staat geworden. Wir wissen das sehr wohl, und es ist ein großes Problem," sagte Siniora der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera". Es sei "ein offenes Geheimnis", dass die Organisation "sich nach den politischen Vorstellungen aus Damaskus und Teheran richtet". Der Libanon sei zu schwach, um sich gegen die syrische Vorherrschaft zu verteidigen.

Vor einer Entwaffnungsaktion müsse Israel jedoch seine "verbrecherischen Bombardierungen" des Libanon einstellen, sagte Siniora. "Solange die Angriffe andauern, können wir nichts tun, und die Lage wird nur noch schlechter." Mit ihren Angriffen auf Zivilisten treibe Israel der Hisbollah nur neue Sympathisanten zu. Selbst Teile der libanesischen Bevölkerung, die den Milizen sonst nichts abgewinnen könnten, sympathisierten inzwischen mit der radikalen Bewegung.

Bei Gefechten an Israels Nordgrenze seien am Morgen zwei Soldaten verletzt worden, berichtete der israelische Fernsehsender Kanal 10. Die Bodenkämpfe fänden im gleichen Gebiet statt, in dem am Mittwoch bereits zwei Soldaten im Kampf getötet worden waren. Im Konflikt mit den Palästinensern will die israelische Armee das Westjordanland bis Sonntag komplett abriegeln. Es habe eine Reihe von Anschlagswarnungen gegeben, sagte eine Sprecherin. Lediglich etwa 4000 Palästinensern solle in dieser Zeit die Einreise nach Israel genehmigt werden. Am Mittwoch hatte die israelische Polizei nach einer Bombenwarnung fünf palästinensische Verdächtige festgenommen.

Am Mittwoch starben im Libanon 72 Menschen

Am bislang blutigsten Tag der israelischen Offensive im Libanon sind am Mittwoch nach Behördenangaben mindestens 72 Zivilisten ums Leben gekommen. Rund eine halbe Million Menschen sind nach UN-Angaben auf der Flucht. Die israelische Luftwaffe bombardierte das Zentrum von Beirut. Im Süden der libanesischen Hauptstadt griff die Luftwaffe nach Angaben eines Armeesprechers einen Bunker an, in dem Hisbollah-Führer vermutet wurden. Beim Vorstoß von Bodentruppen im Südlibanon lieferten sich Soldaten Kämpfe mit Hisbollah-Milizionären. Dabei starben zwei Israelis. Zehntausende Ausländer verließen das Land oder warteten auf ihre Ausreise.

Israel schoss von Kanonenbooten und Flugzeugen aus Bomben und Raketen auf Ziele im Süden, Osten und Norden des Libanon. Die meisten Todesopfer wurden unter den Trümmern ihrer Häuser begraben. Erstmals griffen Kampfhubschrauber auch das christliche Viertel Aschrafieh im Zentrum von Beirut an. Insgesamt tötete Israels Armee binnen einer Woche 327 Menschen im Libanon, darunter 297 Zivilisten. Rund 700 Menschen wurden verletzt. Im Gazastreifen und im Westjordanland wurden beim israelischen Vorstößen 15 Palästinenser getötet.

Hisbollah: "Bunker" war Moschee

Die Hisbollah widersprach israelischen Angaben, wonach die Luftwaffe einen Bunker bombardiert habe. Bei dem Angriff seien weder Anführer oder Mitglieder der Miliz getötet worden, noch habe es sich bei dem Gebäude im südlichen Stadtviertel Burdsch Baradschneh um einen Schutzraum gehandelt, sondern um eine im Bau befindliche Moschee, erklärte die Miliz.

Die Hisbollah feuerte auf Städte in Nordisrael rund 140 Raketen. In Nazareth kamen dabei nach Polizeiangaben zwei Kinder ums Leben. Weitere 18 Menschen wurden verletzt. Nazareth liegt rund 40 Kilometer von der Grenze zum Libanon entfernt. In Haifa wurden zwei Menschen von Raketen verletzt. Damit starben seit Beginn der israelischen Offensive am Mittwoch vergangener Woche 15 israelische Zivilisten durch Raketenbeschuss aus dem Libanon. Bei den Zusammenstößen im Südlibanon starben laut Armee zwei israelische Soldaten.

Libanon: Israel führt uns in die "Hölle"

Libanons Regierungschef Fuad Siniora warf Israel vor, sein Land in die "Hölle" zu führen, da vor allem die Infrastruktur und Zivilisten getroffen würden. Dagegen werde der Hisbollah "kein Schaden zugefügt". Siniora forderte einen sofortigen Waffenstillstand und dringende humanitäre Hilfe, für die sichere Korridore eingerichtete werden müsse. Der internationalen Gemeinschaft warf Siniora vor, nicht alles in ihrer Macht Stehende zu tun.

Die Lage der Menschen im Libanon verschlechtert sich dramatisch. Rund 500.000 Menschen seien auf der Flucht, teilten Weltgesundheitsorganisation WHO und UN-Kinderhilfswerk UNICEF mit. Das wäre etwa jeder zehnte Einwohner des Libanon. UNICEF nannte die Lage der Flüchtlinge "alarmierend". Nötig seien sichere Korridore, durch die sie das Land verlassen könnten. Vor allem der Süden des Landes sei weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. In Beirut und Umgebung hätten bis zu 40.000 Menschen Zuflucht in Schulen und Parks gesucht.

Auch am Mittwoch strömten tausende Flüchtlinge auf dem Landweg nach Syrien oder mit dem Schiff auf die rund 160 Kilometer entfernte Insel Zypern. In Zypern kamen rund 20 Schiffe mit Flüchtlingen an, darunter mehr als 900 US-Bürger auf einem gecharterten Kreuzfahrtschiff. Die USA wollen Soldaten in den Libanon entsenden, um bis zu 25.000 ihrer Bürger aus dem Land zu bringen. Zypern forderte mehr Hilfe seitens der EU, um des Andrangs Herr zu werden

Lufthansa plant Sonderflug zur Evakuierung

Die Lufthansa will mit einem Sonderflug nach Damaskus in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt die Evakuierung unterstützten. Von Frankfurt am Main starte ein Airbus A300-600 mit 280 Sitzplätzen, sagte ein Lufthansa-Sprecher. Rund 2300 Deutsche verließen am Mittwoch den Libanon. Schätzungen zufolge haben bisher bereits 13.000 Menschen das Land verlassen.

Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana forderte bei einem Besuch in Jerusalem das sofortige Ende des "Blutbads im Libanon". UN-Generalsekretär Kofi Annan wollte am Donnerstag im UN-Sicherheitsrat die Möglichkeit der Stationierung einer Stabilisierungstruppe im Südlibanon an der Grenze zu Israel erörtern. (tso/AFP)

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