Libanon : Weit weg von jeder Waffenruhe

Die Lage im Nahen Osten verschärft sich weiter. Israelische Truppen drangen erstmals hundert Kilometer weit in den Libanon ein. Die Hisbollah reagierte mit massivem Raketenbeschuss auf Israel.

Baalbek/Jerusalem - Bei ihrem bislang weitesten Vorstoß in den Libanon seit Beginn der Kämpfe Mitte Juli hat die israelische Armee nach eigenen Angaben mehrere Hisbollah-Mitglieder verschleppt. Spezialeinheiten hätten in der Nacht zum Mittwoch in der hundert Kilometer nördlich der Grenze gelegene Hisbollah-Hochburg Baalbek fünf Mitglieder der Schiitenmiliz gefangen genommen, teilte Generalstabschef Dan Halutz mit. Die Hisbollah dementierte. Nach den Worten des israelischen Regierungschefs Ehud Olmert kann die Offensive im Südlibanon bis zur Entsendung einer internationalen Truppe andauern. Olmert nannte Deutschland neben Frankreich als einen möglichen Truppensteller.

Nach Armeeangaben setzte ein Hubschrauber in der Nacht zum Mittwoch die Kommandoeinheit in Baalbek ab. Laut einer Armeesprecherin wurden mehrere weitere Hisbollahkämpfer bei dem Einsatz getötet. Die Miliz habe heftigen Widerstand geleistet. Denoch seien die beteiligten Soldaten alle wohlbehalten nach Israel zurückgekehrt. Einwohner berichteten, die Soldaten hätten sofort nach dem Verlassen des Hubschraubers geschossen, zahlreiche Zivilisten seien getötet oder verletzt worden.

Halutz teilte mit, mehr als zehn weitere Mitglieder der Schiitenmiliz seien "getroffen" worden. Er ließ offen, ob sie bei dem Einsatz getötet oder verletzt wurden. Der Generalstabchef widersprach Berichten, wonach die Kommandoeinheit den Auftrag hatte, einen Hisbollah-Anführer zu verschleppen. "Wir wollten mit der Operation zeigen, dass wir überall im Libanon zuschlagen können."

Hisbollah dementiert Gefangennahme von Kämpfern

Nach Angaben eines Hisbollah-Sprechers stürmten israelische Soldaten ein Krankenhaus, das von der Hisbollah umstellt worden sei. Nach einigen Stunden hätten die Soldaten unter massivem Feuerschutz aus der Luft das Krankenhaus wieder verlassen. Der israelische Einsatz sei ein "Fiasko" gewesen. Der Sprecher dementierte, dass Hisbollah-Kämpfer gefangen genommen worden seien. Die libanesische Polizei sprach von fünf entführten Libanesen und elf getöteten Zivilisten, unter ihnen ein Syrer, sowie etwa zwanzig Verletzten.

Die israelische Luftwaffe zerstörte zwei Brücken im Norden des Libanon. Wie die libanesische Polizei mitteilte, befanden sich die Ziele nur fünf Kilometer von Syrien entfernt. Bei einem Luftangriff auf eine Armeestellung bei Sarba oberhalb des Hafens von Sidon wurden drei libanesische Soldaten getötet. Weitere Angriffe konzentrierten sich auf Ziele südlich der Hafenstadt Tyrus.

190 Raketen auf Israel abgefeuert

Die Hisbollah reagierte mit massivem Raketenbeschuss. Sie feuerte so viele Raketen auf israelisches Gebiet ab wie nie zuvor an einem einzigen Tag. Hisbollah-Kämpfer hätten 190 Raketen abgeschossen, von denen 36 in israelischen Städten und Siedlungen eingeschlagen seien, hieß es bei der Polizei. Dabei sei ein 60-jähriger Mann ums Leben gekommen, weitere 19 Menschen wurden verletzt. Zwei Geschosse seien erstmals mehr als sechzig Kilometer hinter der Grenze eingeschlagen, in der Nähe der israelischen Ortschaft Beth Schean. Am Sonntag waren 156 Raketen gezählt worden.

Israels Vizeregierungschef Schimon Peres hatte noch am Dienstag geäußert, die Armee habe 70 bis 80 Prozent der weitreichenden Hisbollah-Raketen vernichtet und sei "sehr nahe" daran, der Miliz den entscheidenden Schlag zu versetzen. "Es ist eine Frage von Wochen, vielleicht sogar weniger", sagte Peres nach einem Treffen mit US-Sicherheitsberater Stephen Hadley in Washington.

Olmert wartet UN-Resolution ab

Laut Olmert hängt die Dauer der Offensive entscheidend von der Art der UN-Resolution ab. "Wenn, was wir hoffen, die internationale Truppe über Kampfeinheiten verfügt, dann sind wir in der Lage, das Feuer in dem Moment einzustellen, in dem die internationale Truppe auf dem Boden des Südlibanon stationiert wird", sagte Olmert am Mittwoch den britischen Sendern Sky News und BBC. Die Truppensteller müssten Länder mit einem "echten Interesse" an einem Wandel in der Region sein. Frankreich sei ein "natürlicher Kandidat" für eine solche Truppe, aber auch Deutschland, Italien, Australien und die Türkei. (tso/AFP)

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