Libanon : Westbeirut in der Hand der Hisbollah

Die Kämpfer der Hisbollah stehen in den westlichen Zentrumsvierteln Beiruts verteilt. Aus allen Richtungen dringt das trockene Knattern automatischer Feuerwaffen. Es sind nur noch Freudenschüsse: Im Laufe des dritten Tages der Unruhen hat die Hisbollah die Kontrolle über weite Teile der Hauptstadt übernommen.

Gabriele M. Keller[Beirut]
Beirut
Die Lage in Beirut eskaliert. -Foto: dpa


„Die Regierung ist gedemütigt, sie ist von einer privaten Miliz geschlagen worden“, sagt Paul Salem, Leiter des Carnegie Middle East Center in Beirut. „Es war von Anfang an ein sehr ungleicher Kampf, weil die Hisbollah allen anderen Gruppen im Libanon militärisch weit überlegen ist.“ Am Mittwoch waren in Beirut Straßenschlachten und Schießereien ausgebrochen, nachdem die Regierung in einer Kabinettssitzung Schritte beschlossen hatte, um die mächtige Parteimiliz in die Schranken zu weisen. Die Koalition hatte das private Telefonnetz der Hisbollah für illegal erklärt und eine rechtliche Untersuchung angekündigt. Gleichzeitig gaben die Politiker die Entlassung von Wafik Schukeir, dem Chef der Sicherheitsdienste am Flughafen, bekannt. Der Offizier soll der Schiitenbewegung nahestehen. „Die Hisbollah hat der Regierung nun gezeigt, dass sie ihre Kompetenzen mit diesen Entscheidungen überschritten hat“, erklärt Paul Salem. „Nun hat sich die Machtbalance zugunsten der Hisbollah verschoben. Die Regierung ist nun deutlich schwächer, als sie es noch zu Beginn der Woche war.“ Am Donnerstag trat Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah vor die Kameras. „Die Entscheidung der Regierung ist eine Kriegserklärung, und wir haben das Recht, uns zu verteidigen“, sagte er. Nasrallah bezeichnete die Politiker als Kollaborateure der USA und warf ihnen vor, den Flughafen in eine Basis von CIA und Mossad verwandeln zu wollen. Seine Partei werde ihren Aufstand erst beenden, wenn die Regierung ihre Beschlüsse zurücknehme.

Die ganze Nacht hindurch lieferten sich die Kämpfer der Schiitenmiliz Gefechte mit den sunnitischen Anhängern der Regierung. Den dritten Tag in Folge legten die Sympathisanten der Hisbollah die Innenstadt lahm. Reifen, Autowracks und Müllcontainer brannten. Auch die Zufahrt zum einzigen internationalen Flughafen des Landes blieb abgeschnitten. Bei den Ausschreitungen kamen bislang mindestens elf Menschen ums Leben. Am frühen Morgen stürmten Bewaffnete die Zeitung und den Fernsehsender der Mehrheitspartei Al Mustakbal. Die Mitarbeiter des Kanals wurden gezwungen, den Sendebetrieb einzustellen.

Hunderte schwer bewaffnete Soldaten stehen in Beirut bereit, um weitere Zusammenstöße zu verhindern. Gleichzeitig fliehen zahlreiche Bewohner der Stadt in umliegende Orte. „Wir alle haben schreckliche Angst. In dieser Woche haben wir den Ausbruch eines neuen Bürgerkrieges miterlebt“, sagt eine 43-jährige Hausfrau, die sich in einem Supermarkt im zentrumsnahen Basta mit Vorräten für die kommenden Tage eindeckt.

Eine zähe politische Krise ist eskaliert: Seit 16 Monaten stehen sich die prowestliche Regierung des Libanon und die Opposition unter Führung der proiranischen Hisbollah in einem erbitterten Machtkampf gegenüber. Nicht einmal einen Präsidenten hat der Libanon mehr, weil sich die verfeindeten Lager seit Ende November nicht auf die Wahl eines neuen Staatsoberhaupts einigen können.

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