• Liberaler Kubicki im Interview: „Ankündigen und dann nichts liefern – das ist fatal“

Liberaler Kubicki im Interview : „Ankündigen und dann nichts liefern – das ist fatal“

Er war fassungslos über das Abschneiden der FDP bei der Bundestagwahl, gibt der Liberale Kubicki im Interview zu. Doch er gibt sich kämpferisch und die Richtung für die Aufarbeitung vor. Er sagt außerdem, warum er die AfD nicht fürchtet - und prophezeit Merkels Abstieg.

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Wolfgang Kubicki (FDP) Foto: dpa
Wolfgang Kubicki (FDP)Foto: dpa

Herr Kubicki, Ihre Partei hat ein historisches Debakel erlebt und ist bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Was war Ihr erster Gedanke?
Ich war fassungslos. Ich bin 43 Jahre in der FDP und habe mir nie vorstellen können, dass sie aus dem Bundestag gewählt wird. Bisher lebten wir von der Einschätzung, dass es für fünf Prozent immer reicht. Wir wurden eines Besseren belehrt.

Empfanden Sie Wut oder Resignation?

Wut nicht, und die depressive Phase hielt auch nur kurz. Für mich stand die Frage im Mittelpunkt, wie das zu erklären ist. Und mir war schnell klar, dass diese Niederlage schmerzlich ist, aber nicht tödlich.

Was ärgert Sie im Nachhinein am meisten?

Die letzte Wahlkampfwoche ärgert mich fundamental. Zweitstimmenkampagnen kann man machen, haben wir auch immer gemacht, und das machen auch andere Parteien. Aber unsere war diesmal geprägt von der Botschaft: Habt Mitleid mit uns. Und die Mitleidskampagne hat wieder jene Häme hervorgebracht, die während des Wahlkampfes überwunden schien. Sie hat meine Parteifreunde, die auf der Straße Wahlkampf gemacht haben, die ihre Reputation, ihre Zeit und ihr Geld eingebracht haben, an den Rand der Selbstachtung gebracht. Wenn man schon untergeht, dann mit erhobenem Haupt und nicht kriechend.

War es ein Fehler, mit Philipp Rösler einen Mann an der Spitze zu haben, der zu jung und unerfahren war, und mit Rainer Brüderle einen Spitzenkandidaten, dessen Zenit schon überschritten war?
Das ist müßig. Damals war Philipp Rösler die einzige Chance, die wir hatten. Sein Problem war, dass er in einer Phase Bundesvorsitzender wurde, in der die FDP bereits seit über einem Jahr im Umfragekeller war. Er war nicht schuld an der Entwicklung, konnte sie aber auch nicht aufhalten. Seine Ansage bei seiner Wahl zum Vorsitzenden, dass nun geliefert werde, erinnerte mich an Guido Westerwelle nach den Koalitionsverhandlungen 2009. Er verkündete damals vollmundig, die FDP habe sich 100-prozentig durchgesetzt. Diese Attitüde – ankündigen und dann nichts liefern – ist fatal. Die FDP hat versprochen, das Steuersystem einfacher und gerechter zu machen. Es verfestigte sich aber im Laufe der Zeit der Eindruck, dass wir nichts liefern. Das hat auch unsere Botschaften im Wahlkampf hohl und phrasenhaft erscheinen lassen.

Wie wird Guido Westerwelle nun in die FDP-Geschichte eingehen? Als Heilsbringer, der die Partei auf knapp 15 Prozent geführt hat, oder als ihr Totengräber?
Guido Westerwelle wird als derjenige in die Geschichte eingehen, der das beste Wahlergebnis für die FDP bei einer Bundestagswahl eingefahren hat – und daraus dann nichts gemacht hat. Wir hatten fünf Bundesminister sowie 93 Abgeordnete. Und am Ende steht bei den Menschen das Gefühl, dass die Liberalen ihren Job nur verwaltet haben und sich selbst genug waren.

Wie muss die Aufarbeitung nun aussehen in Ihrer Partei?
Mitte der Woche treffen sich die Vorsitzenden der Landtagsfraktionen mit den Vertretern der Bundespartei, um alles zu analysieren. Für mich ist klar: Wir können nicht die nächsten vier Jahre in eine mentale Klausur gehen. Bis Ende 2013 haben wir Zeit, die Geschehnisse aufzuarbeiten. Im kommenden Jahr stehen Europawahlen sowie verschiedene Kommunal- und Landtagswahlen an, da muss die FDP wieder da sein. Je mehr Zeit wir uns mit der Neuaufstellung lassen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es keinen mehr interessiert. Es geht um die Frage, wie wir auf den Trümmern wieder etwas aufbauen können.

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