Libyen-Flüchtlinge in Deutschland : Am Anfang eines langen Weges

In Hamburg werden verletzte Libyer behandelt. Sie werden Geduld brauchen - und sie wünschen sich Geduld beim Aufbau ihres Landes.

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Wolfgang Tigges ist sehr zufrieden. Ahmad Abufanas hat am achten Tag seines Aufenthalts im Asklepios-Westklinikum Hamburg erstmals sein Bett verlassen können und sitzt nun in einem Rollstuhl. Der Chefarzt der Chirurgie beobachtet die Gesundung von fünf libyschen Patienten, die seit etwas mehr als einer Woche in Hamburg behandelt werden.

Er trägt ein blaues Poloshirt und eine Trainingshose; Ärzte, Pflegepersonal, wenige Besucher und sein Vater Salem müssen sich vor Betreten seines Krankenzimmers immer erst einen sterilen Einmal-Kittel, Kopfbedeckung und Gesichtsschutz anlegen – wegen der Keime! Dem 23-Jährigen stehen noch einige Eingriffe bevor. Vor fünfeinhalb Monaten hat es den Medizinstudenten aus der umkämpften Hafenstadt Misrata erwischt. Er geriet als Begleiter eines Sanitätsfahrzeugs in einen Kugelhagel. Geschosssplitter haben ihn im Halsbereich getroffen, ein Wirbel wurde zertrümmert. „Die Gaddafi-Kämpfer haben auch gegen sichtbare Krankentransporte das Feuer eröffnet.“ Keine Frage, dass er auf der Seite der Rebellen steht.

Ahmad Abufanas entschuldigt sich, dass sein Englisch nicht gut genug sei. Verstehen könne er es, ja, aber sprechen fällt schwer. Daher sitzt Raed Abu Hashem neben ihm und übersetzt. Der Internist der Klinik kommt aus Palästina und ist in diesen Tagen eine wichtige Stütze für Patienten wie Ärzte und Pfleger. Außerdem hat die Krankenhausleitung kurzfristig noch einen anderen Dolmetscher verpflichtet.

Abufanas ist über die Hilfsorganisation „Wounded Evacuation Team Libya“ und einen Krankentransport der ADAC-Flugbereitschaft nach Hamburg gekommen. Er redet offen über das, was ihm in dem blutigen Bürgerkrieg widerfahren ist. Seine Landsleute in den Nebenzimmern sind da noch nicht so weit. Sie haben nicht nur schwere Verletzungen erlitten, sondern sie sind auch traumatisiert. Nach und nach müssen sie sich verschiedenen Operationen stellen. Wie lange die Behandlung letztlich dauern wird, vermag noch niemand zu sagen. Tigges sagt: „Sie brauchen Geduld!“

Am Samstag erwartet die Klinik einen weiteren Patienten aus Libyen. Insgesamt werden derzeit 44 verletzte Libyer in deutschen Krankenhäusern behandelt. Tigges sagte schon vor ein paar Tagen, dass seine Klinik in der Lage wäre, noch weitere Verletzte aufzunehmen. Nach Angaben der libyschen Botschaft sind im Krieg etwa 25 000 Menschen getötet und 75 000 Menschen verletzt worden.

Vor der Krankenstation passt ein Wachmann auf. „Es gab neben vielen Anrufen auch spontane Besuche. Da mussten wir reagieren“, sagt der ärztliche Direktor entschuldigend. Es gelten strengste Hygienevorschriften. Abufanas blickt zwischendurch immer wieder auf den Fernseher. Dieser ist neben dem Telefon derzeit seine einzige Verbindung in die Heimat. Die fünf Männer zwischen 23 und 30 informieren sich über den arabischen Sender Al Dschasira über die Geschehnisse daheim in Libyen.

„Das größte Problem in den ersten Tagen war das Essen“, erinnert sich Abu Hashem. Es bedurfte schon einer Menge Überzeugungsarbeit, die Neuankömmlinge davon zu überzeugen, dass da nichts mit Alkohol und Schweinefleisch serviert wird. Stück für Stück fassen sie Vertrauen. Ihre Gedanken sind aber noch daheim. „Nun kann der Demokratisierungsprozess starten“, ist Abufanas überzeugt. Der getötete Ex-Diktator Muammar al Gaddafi wäre immer eine Belastung gewesen, selbst wenn er in einem anderen Land Unterschlupf gefunden hätte, fügt er hinzu. Der Alltag normalisiert sich seinen Angaben zufolge in der laufenden Umbruchphase allmählich. Die Grundschulen haben ihre Arbeit bereits wieder aufgenommen.

Sein Land sei mit seinen Ölfeldern nicht arm. Doch dieser Wohlstand sei unter der Herrschaft des Gaddafi-Clans nie bei der einfachen Bevölkerung angekommen, beklagt er. Jeder, der seine Hände mit Blut beschmutzt habe, müsse bestraft werden, fordert Abufanas. In Sachen Demokratie benötige das künftige Libyen aber keine Hilfe von außen. Diese könne nur nachhaltig sicher sein, wenn sie jetzt von innen wachse, ist der angehende Mediziner überzeugt. Und welche Rolle die Religion künftig spiele? „Libyen ist ein neutrales islamisches Land.“

So viel Geduld, wie er für seine persönliche Genesung benötigt, so viel Zeit gesteht er auch der Wandlung in seiner Heimat zu: „Es wird ein langer Weg. Aber ich bin optimistisch“, fügt Ahmad Abufanas hinzu, und ein Lächeln huscht über sein Gesicht.

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