Libyen : „Gaddafi hat eine Kultur der Faulheit hinterlassen“

Ein Jahr nach der Revolution in Libyen ist alles anders aber trotzdem schwierig. Mustafa Gheriani (55) war bei der Revolution gegen Muammar Gaddafi vom ersten Tag an dabei.

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Mustafa Gheriani arbeitete mehrere Monate als Sprecher der Aufständischen im Gerichtshaus von Benghazi, dem Hauptquartier der Rebellen.
Mustafa Gheriani arbeitete mehrere Monate als Sprecher der Aufständischen im Gerichtshaus von Benghazi, dem Hauptquartier der...Foto: Katharina Eglau

Die Gaddafi-Seite fing sofort an, mit Stöcken auf die Menschen einzuprügeln und auf die Demonstranten zu schießen. Ich erinnere mich an den unglaublichen Mut der jungen Leute. Sie zogen zur Katiba, der Militärkaserne inmitten der Stadt, wo Gaddafi auch einen Palast hatte. Dort wurden sie mit Flakgeschützen empfangen – unbeschreiblich. Die jungen Leute wichen nicht zurück. Sie waren bereit, ihr Leben zu opfern – von Anfang an. Die Tage der Revolution waren die aufregendsten meines Lebens. Darauf haben wir 40 Jahre lang gewartet.

Ein Jahr später – was sind heute die wichtigsten Probleme?

Es gibt viel zu viele Waffen im Land. Libyen hat keine funktionierenden Institutionen so wie Tunesien oder Ägypten. Wir müssen bei allem ganz von vorne anfangen. Erst wurden Kommunalräte gebildet, dann der Nationale Übergangsrat. Im Juni wird das erste Parlament gewählt, dann kommt eine neue Verfassung. Wenn man diesen Nullpunkt in Betracht zieht, haben wir ganz ordentliche Fortschritte gemacht. Die neue Führung tut, was sie kann, um mit den Schwierigkeiten fertig zu werden. Fehler sind unvermeidlich, aber es gibt einfach unendlich viel zu tun.

Wie wollen Sie die Wirtschaft wieder auf die Beine bringen?

Wir haben eine sehr steile Lernkurve vor uns. Hauptproblem sind die vielen jungen Leute, die herumlungern und keine Arbeit haben. Sie haben viel zu viel Zeit, machen irgendwelche Dummheiten. Schulen und Universitäten arbeiten wieder, auch manche Firmen, aber das ist alles viel zu wenig. Noch schwieriger ist es in den ländlichen Gebieten. Dort gibt es nichts, keine Industrie, keine Arbeitsplätze – keine Hoffnung. Gaddafi hat im libyschen Volk eine Kultur der Faulheit hinterlassen. Die Arbeit machten die Ausländer – Ägypter, Tunesier, Asiaten und Afrikaner. Wir alle müssen lernen, so zu arbeiten wie die Leute in anderen Ländern auch. Und wir müssen viel mehr in unsere jungen Leute investieren.

Wie lange wird ein solcher Mentalitätswandel dauern?

Die Früchte werden wir wohl erst in einer Generation sehen. Libyen ist ein dicker Elefant, man kann nicht das ganze Tier mit einem einzigen Bissen verspeisen. Zuerst müssen wir das normale Leben wiederherstellen, dann wird auch der Wohlstand kommen. Das alles braucht Zeit. Irgendwann wird Libyen in der richtigen Spur sein, davon bin ich überzeugt.

Wie stabil ist Libyen heute?

Viel zu viele Leute haben Waffen zu Hause, weil sie um ihre Sicherheit fürchten. Wir müssen die Milizen entwaffnen und eine nationale Armee aufbauen. Wir haben immer noch Milizen, die Camps unterhalten, mit ihren Jeeps in den Städten herumfahren und Kontrollpunkte errichten. Mir machen vor allem die Milizenführer Sorgen, die jetzt glauben, sie könnten – gestützt auf ihre Waffen – politische Machtansprüche stellen.

Es gibt glaubwürdige Berichte von Racheakten und systematischer Folter an ehemaligen Gaddafi-Leuten. Wie sollen diese Missstände abgestellt werden?

Bitte vergessen Sie nicht, es hat ein unfassbares Maß an Brutalität und Grausamkeiten in diesem Bürgerkrieg gegeben. Viele Menschen haben fast ein Jahr lang nichts anderes gemacht als zu töten. Wir sprechen hier von Leuten, die anderen die Kehle durchgeschnitten haben und das dann auch noch gefilmt haben. Wir haben solche Videos als Beweise sichergestellt. Zehntausende Familien sind betroffen, Hass und Feindschaft im Land sind unglaublich groß. Gemessen an diesen Dimensionen können wir froh sein, dass nach dem Sturz Gaddafis nicht noch sehr viel mehr passiert.

Was tut die Justiz?

In Libyen gibt es kein funktionierendes Justizsystem. Wir stehen vor einem Dilemma. Was sollen wir tun – die Mörder ohne Prozess weiter im Gefängnis behalten oder sie entlassen? Wir müssen zunächst einmal ein Justizsystem aufbauen. Erst dann können wir die, die gemordet haben, vor Gericht stellen und bestrafen. Die anderen Gaddafi-Leute dagegen sollten wir möglichst schnell wieder in die Gesellschaft zurückbringen. Sie sind Libyer wie wir, sie gehören zu uns.

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