Libyen : Gaddafi: Weltmeister im Vergeuden

Gaddafi regiert seit 40 Jahren Libyen. Der 67-jährige Revolutionsführer denkt allerdings nicht ans Aufhören, auch wenn er seinen zweitältesten Sohn Saif al Islam angeblich als Nachfolger vorbereitet.

Martin Gehlen
Gaddafi
Muammar al Gaddafi -Foto: dpa

Kairo - Frankreich schickt zwei Rafale-Kunstflugjets. Aus der ehemaligen Kolonialmacht Italien reist Premier Silvio Berlusconi an, während sich der Rest Europas entschuldigen lässt. „Du Schöpfer der Herrlichkeit, möge Dir der Ruhm gehören“, huldigen Plakate in den Straßen von Tripoli den „Bruder Führer“, wie ihn seine Untertanen nennen. Am Dienstag feiert Muammar al Gaddafi mit Militärparade und Riesenfeuerwerk sein 40. Jahr an der Macht – und ist damit der dienstälteste Potentat der ganzen Welt.

Als der 27-jährige Oberst am 1. September 1969 gegen König Idris I. putschte, herrschten in China Mao Zedong und in den Vereinigten Staaten Richard Nixon. Gäbe es heute in der arabischen Welt einen Preis für verschleuderten öffentlichen Reichtum, Libyen würde ihn mit souveränem Vorsprung gewinnen, bilanziert der bekannte Publizist Rami G. Khouri. „Wo ist nur das ganze Ölgeld geblieben“, fragte sich Gaddafi selbst kürzlich und kündigte an, alle Ministerien abzuschaffen und die Öleinnahmen direkt an das Volk auszuzahlen. Doch wie so oft – geschehen ist nichts.

Anfangs galt Gaddafi im Westen als unbestechlich – und nicht an persönlichem Reichtum interessiert. Doch schon bald änderte sich das Bild: Libyen startete ein geheimes Atomprogramm, finanzierte Aufständische und Terrorgruppen in allen Winkeln der Erde. Bei der Explosion an Bord des Pan-Am-Jumbos über dem schottischen Lockerbie 1988 und ein Jahr später bei der Sprengung eines französischen Flugzeugs über dem Niger führten die Spuren nach Tripoli. Nach drei Jahrzehnten Pariastatus und internationalen Sanktionen kam 1999 die überraschende Wende. Gaddafi gab die Schuld an Lockerbie zu, entschädigte die Familien der Opfer und lieferte zwei Geheimdienstler an den Westen aus. Nach dem Ende seiner Atompläne nahmen die USA und Libyen nach 35 Jahren Unterbrechung 2006 wieder diplomatische Beziehungen auf.

Libyen gehört wegen seines Ölreichtums neben Algerien zu den wohlhabendsten Nationen Nordafrikas. Gut sechs Millionen Menschen leben in dem Wüstenstaat. Nach dem UN-Index für menschliche Entwicklung, der Lebensstandard, Gesundheitsfürsorge und Schulbildung gewichtet, steht das Land weltweit an 59. Stelle – vor arabischen Nationen wie Saudi-Arabien, Jordanien und Ägypten. Trotzdem sind Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung hoch.

Der 67-jährige Revolutionsführer allerdings denkt nicht ans Aufhören, auch wenn er seinen zweitältesten Sohn Saif al Islam angeblich als Nachfolger vorbereitet. Dieser gilt als Hoffnungsträger, weil er als einziger öffentliche Kritik an den „mafiösen Zuständen“ üben darf. Doch er gibt sich bescheiden: „Zu einem Führer, wie es mein Vater ist, kann man weder durch Erbfolge noch durch Wahlen werden.“

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben