Libyen : Kommandozentrale im Wohnzimmer

Während viele Rebellen in Camps gedrillt wurden, planten fünf Männer in einem Villenvorort von Tripolis den Tag X. Die Geschichte eines Aufstands.

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An vorderster Front. Housam Najjair, eigentlich in Irland lebender Bauunternehmer, erreichte mit seinem Jeep als Erster der Rebellen das Zentrum der Hauptstadt. Foto: Katharina Eglau
An vorderster Front. Housam Najjair, eigentlich in Irland lebender Bauunternehmer, erreichte mit seinem Jeep als Erster der...Foto: Katharina Eglau

Lässig lehnt er in der Fahrertür seines Jeeps, in der Hand „sein Baby“, wie er sagt – ein Scharfschützengewehr. Housam Najjair war bei dem Sturm der Rebellen auf Tripolis Kommandeur an vorderster Front. Sein betagter Wagen, der noch ein deutsches Zollkennzeichen trägt und früher einmal einer Autopflegefirma in Bayern gehörte, war das erste Rebellenfahrzeug, das den Grünen Platz in der Stadtmitte erreichte. „Die Polizisten, die dort den Verkehr regelten, trauten ihren Augen nicht – dann liefen sie davon“, feixt der 32-Jährige, der in Irland als Sohn eines libyschen Vaters und einer irischen Mutter aufgewachsen ist.

Im April hielt es den Bauunternehmer nicht mehr in seiner Wahlheimat. Er reiste nach Tunesien und meldete sich in Nalut in den Nafusa- Bergen, wie viele andere im Ausland lebende junge Libyer auch. Dort waren sie auf einem ehemaligen Schulgelände untergebracht. Das Training war kein Zuckerschlecken. In Camp gab es keinen Strom, kein Handynetz, das Wasser war knapp. Morgens um 6 Uhr begann die Ausbildung, bis zum Mittag. Nach einer Pause bis 15 Uhr ging es weiter bis Sonnenuntergang. Wie riegelt man ein Viertel ab, wie behält man eroberte Gebiete unter Kontrolle, Schießen mit Gewehr und Panzerabwehrraketen – alle 1200 Männer der sogenannten Tripolis-Brigade gingen durch diese militärischen Schnellkurse. „Wir wussten, dass unten in Tripolis die Bevölkerung auf uns wartet und bewaffnet ist“, sagt Housam Najjair.

Inzwischen werden immer mehr Details von dem komplexen Zusammenspiel zwischen der aus den Nafusa-Bergen kommenden Rebellenarmee und den Einwohnern der libyschen Hauptstadt bekannt. Im Wohnzimmer von Mohammed Omeish wurde alles geplant. Im ländlichen Villenvorort Sarraj im Westen der Stadt befand sich der „Operation-Room“, die Kommandozentrale der Aufständischen. Hier war das militärische und logistische Nervenzentrum, von hier aus wurde mit der Nato kommuniziert. Omeish besaß Internet per Satellit, um sein Anwesen herum wohnen Verwandte. Misstrauische Nachbarn brauchte das fünfköpfige Befreiungskomitee bei seinen konspirativen Zusammenkünften nicht zu befürchten. Allen Verhaftungswellen des Regimes, bei denen seit Februar 60 000 Menschen verschleppt wurden, sind der in den USA promovierte Verwaltungswissenschaftler und seine vier Mitstreiter wie durch ein Wunder entkommen.

Für den Aufstand wurde Tripolis nach seinen Worten in 15 Bezirke unterteilt, in jedem Stadtteil „die angesehenste Person angesprochen und eingeweiht“. Alle, die mit einer Waffe umgehen können, wurden ausfindig gemacht und registriert. Reiche Geschäftsleute spendeten große Summen für den Kauf von Waffen. Denn Muammar al Gaddafi hatte begonnen, aus seinen riesigen Beständen Gewehre und Pistolen an seine Anhänger ausgeben zu lassen. Viele von ihnen konnten der Versuchung nicht widerstehen, einen schnellen Dinar zu machen und verkauften die Waffen an die Aufständischen weiter. Kostete im April eine Kalaschnikow AK-47, ein Sturmgewehr russischer Bauart, noch 500 Dinare, musste die Rebellen im Juni und Juli bereits 2000 bis 4000 Dinare hinblättern, umgerechnet 1200 bis 2400 Euro – für einfache Berufe in Libyen ein Jahresgehalt. „Alle neuen AK-47 in der Stadt stammen aus Gaddafis Magazinen“, sagt Omeish. Zusätzlich betrieben die Anhänger des Despoten einen schwunghaften Handel mit Munition, vereinzelt lieferten sie auch kleine Raketen und Handgranaten.

Gleichzeitig begannen sich Tausende von Untergrundzellen auf den Tag X vorzubereiten, wie Omeish berichtet: Benzin und Diesel wurden gehortet, Lebensmittel sowie Wasser gebunkert, die gekauften Gewehre und Munition in den Wohnvierteln deponiert. In manchen Häusern wurden Miniklinken eingerichtet, andere Gebäude als provisorische Gefängnisse für Gaddafi-Anhänger ausgesucht und vorbereitet. Kommuniziert wurde über Walkie-Talkies und Satellitentelefone, die Absprachen als harmlose Unterhaltungen über Einkaufen und Verabredungen zum Kaffee verschlüsselt. Gleichzeitig formten die Aufständischen im Untergrund einen kommunalen Übergangsrat mit dem prominenten Geschäftsmann Abdur Razik Abu Hajjar an der Spitze, der sich bis zuletzt in Ägypten versteckt halten musste. Für den Nationalen Übergangsrat in Bengasi nominierten die Rebellen in Tripolis sechs eigene geheime Mitglieder, Emissäre pendelten zwischen den rund 1000 Kilometer entfernten Städten hin und her.

Im Juni bekam das Regime erstmals Wind davon, dass etwas im Gange war, „doch das Ausmaß haben sie sich nicht vorstellen können“, sagt Omeish. Auch den genauen Tag des Aufstands konnte das Regime ermitteln, wie die Opposition aus ihrer Überwachung des Funkverkehrs von Gaddafi-Einheiten erfuhr. Doch zu ihrer Überraschung nahm die andere Seite den Termin nicht weiter ernst, hielt die Rebellen nicht für einen nennenswerten Gegner.

Mohammed Omeish, einer der Köpfe hinter dem Sturm auf die Hauptstadt. Foto: Katharina Eglau
Mohammed Omeish, einer der Köpfe hinter dem Sturm auf die Hauptstadt.Foto: Katharina Eglau

Gleichzeitig versuchte der Befreiungsrat immer wieder, Gaddafis Aufenthaltsort zu erfahren. „Wir hatten sehr viele Informanten innerhalb des Regimes“, sagt Omeish. Selten habe der Despot in seiner Betonburg Bab al Azizia übernachtet, sich nie länger als zwölf Stunden irgendwo aufgehalten. Mal habe er sich in einem Krankenhaus versteckt, mal im Luxushotel Rixos, wo alle ausländischen Journalisten absteigen mussten. Auch von den regelmäßigen Familientreffen im Haus von Saif al Arab erfuhren die Aufständischen und gaben den Tipp an die Nato weiter. Drei Tage später bombardierten Jets das Haus des Gaddafi-Sohnes, der dabei angeblich umkam. Wie die Propaganda damals tönte, entkamen der „Bruder Führer“ und seine Frau unverletzt.

Im Fastenmonat Ramadan setzte der Befreiungsrat dann den Termin für die Offensive fest: Samstag, 20. August, 20.30 Uhr, 45 Minuten nach dem Fastenbrechen. Das vereinbarte Signal war ein „Allah ist groß“ aus den Lautsprechern aller 2500 Moscheen der Stadt. In letzter Minute bat die Nato um Aufschub, um weitere Bombenziele „abzuarbeiten“. Doch die Revolutionäre konnten nicht mehr länger warten. Die Befehle seien raus, der Aufstand in der Zwei-Millionen-Stadt ausgerufen. „Es gibt kein Zurück mehr“, ließen sie nach Brüssel übermitteln.

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