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Libyen : Rebellen-Truppen erobern Bin Dschawad

Gegner des libyschen Machthabers Muammar Gaddafi haben nach eigener Darstellung im Osten des Landes weitere Gebiete eingenommen. Die deutsche Marine hat derweil mit einer Hilfsaktion für aus Libyen geflohene Ausländer begonnen.

Muammar al Gaddafi startet eine neue Militäroffensive gegen die Aufständischen in mehreren libyschen Städten. Die Rebellen bringen sich angesichts der Luftangriffe in Sicherheit. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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06.03.2011 17:09Muammar al Gaddafi startet eine neue Militäroffensive gegen die Aufständischen in mehreren libyschen Städten. Die Rebellen bringen...

Die Stadt Bin Dschawad sei unter ihrer Kontrolle, teilten die Rebellen mit. Auch der wichtige Ölhafen Ras Lanuf wurde am Samstag von ihnen beherrscht. Die Front verlief westlich der Stadt. Aus der etwa 50 Kilometer von Tripolis entfernt liegenden Küstenstadt Sawija gab es Berichte über schwere Kämpfe. Ein Sprecher der Aufständischen sagte, man habe einen Panzerangriff von regierungstreuen Soldaten zurückgeschlagen. Gaddafis Anhänger sammelten sich demnach am Rande der Stadt.
Auch zwei Wochen nach Beginn der Unruhen sind die Frontverläufe in Libyen unklar und ändern sich immer wieder. 60 Prozent der libyschen Ölförderung sind nach Schätzungen der Internationalen Energiebehörde IEA zum Erliegen gekommen.
Tausende ausländische Fachkräfte sind geflüchtet. Die Rebellen beschuldigten Gaddafis Anhänger, in der Stadt Sawija schwere Waffen eingesetzt und Zivilisten angegriffen zu haben. Viele Menschen seien in umliegende Dörfer geflüchtet, sagte ein Sprecher. Auch arabische Fernsehsender berichteten, dass Wohngebiete mit Panzern beschossen worden seien. Die Zahl der Todesopfer war zunächst unklar. Bei den Kämpfen im Osten des Landes kamen nach Angaben von Ärzten am Freitag mindestens 26 Menschen ums Leben. In
Radschma nahe der zweitgrößten libyschen Stadt Benghasi sollen Gaddafi-Truppen ein Waffendepot bombardiert haben. Zudem gab es Tote bei Kämpfen um die Stadt Ras Lanuf, wo die Lage am Samstag zunächst ruhig war.

Im Tunesien beteiligte sich unterdessen die Bundeswehr an einer Evakuierungsaktion des UN-Flüchtlingswerkes UNHCR für Ägypter, die aus Libyen in das Nachbarland geflüchtet waren. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums halfen insgesamt 600 deutsche Soldaten auf den Fregatten “Brandenburg“ und “Rheinland-Pfalz“ sowie auf dem Einsatzgruppenversorger “Berlin“ dabei, von der tunesischen Stadt Gabes aus Hunderte Ägypter in den kommenden Tagen in ihr Heimatland zurückzubringen. Auch in Großbritannien halten sich nach offiziellen Angaben Einheiten bereit, um sich bei Bedarf an Hilfs- oder Evakuierungsaktionen zu beteiligen.

Bereits am Freitag hatten sich Gegner und Anhänger von Machthaber Muammar al Gaddafi am Freitag Auseinandersetzungen geliefert. Die heftigsten Kämpfe wurden aus der Kleinstadt Zawiya etwa 50 Kilometer westlich von Tripolis gemeldet. Bei einem Angriff von Regierungstruppen wurden nach Berichten von Einwohnern mindestens 30 Menschen getötet. „Das Krankenhaus war voll. Es gab keinen Platz mehr für die Opfer“, sagte ein Einwohner am Freitag nach einem Besuch des Hospitals der Nachrichtenagentur Reuters am Telefon. Die Angaben konnten zunächst nicht unabhängig überprüft werden.

Die Regierungstruppen hätten viele Menschen in einer Kleinstadt außerhalb Zawiyas namens Harscha getötet, sagte ein Rebellensprecher. „Sie schossen auf Zivilsten.“ Die Aufständischen besetzten aber noch immer den zentralen Platz in Zawiya, den sie selbst nach den Kämpfen in der jüngsten Zeit in Märtyrerplatz umbenannt haben. Die Gaddafi-Einheiten befänden sich etwa vier bis fünf Kilometer entfernt und hätten die Stadt umzingelt.

Unterdessen griff die Luftwaffe im östlichen Adschdabija eine Kaserne an, während sich Gaddafi-Gegner Richtung Westen bewegten. In Tripolis prügelten dutzende Anhänger beider Lager aufeinander ein, als es nach dem Freitagsgebet zu Protesten hunderter Menschen kam. Auf dem Platz selbst demonstrierten rund hundert Anhänger Gaddafis für den Revolutionsführer, wie ein AFP-Journalist berichtete. Einem anderen Augenzeugen zufolge kam es im Stadtbezirk Tadschura zu Zusammenstößen zwischen hunderten Regierungsgegnern und Sicherheitskräften.

Am Freitagmorgen hatten Gaddafi-treue Einheiten erneut aus der Luft eine Kaserne nahe Adschdabija angegriffen, verletzt wurde aber niemand. Nach Angaben eines AFP-Korrespondenten hat die Militärbasis bislang alle Angriffe unbeschadet überstanden. In der Stadt Misrata gab es einem Augenzeugen zufolge am Donnerstagabend einen Toten, als diese von Gaddafi-Truppen mit schweren Waffen angegriffen wurde.Die Opposition versuchte unterdessen, die Kontrolle über die Stadt Brega zu behalten. Die Stadt gilt als wichtiger Verkehrsknotenpunkt. „Wenn die Regierungstruppen diesen Ort besetzen, werden sie auch nach Adschdabija gelangen“, sagte ein Ingenieur, der anonym bleiben wollte. „Adschdabija ist ein zentraler Punkt, weil er den Westen mit dem Osten und dem Süden verbindet.“

Gleichzeitig stößt die internationale Hilfe für Flüchtlinge in Libyen auf Probleme. Das Welternährungsprogramm WFP teilte am Freitag in Rom mit, dass ein von der UN-Organisation beauftragtes Schiff mit Hilfslieferungen wegen Sicherheitsrisiken nicht den libyschen Hafen in Benghasi anlaufen konnte. Die Ladung von 1000 Tonnen Weizenmehl, geordert vom Roten Halbmond im östlichen Libyen, habe nicht entladen werden können. Das Schiff musste nach Malta zurückkehren. Laut WFP wurden außerhalb der Hafenstadt Benghasi Luftangriffe gemeldet.

Mit einem ersten Charterflug von der tunesischen Insel Djerba nach Ägypten ist am Freitag die deutsche Hilfe für Flüchtlinge aus Libyen angelaufen. Die Maschine mit etwa 185 Passagieren an Bord – die meisten davon Ägypter – wurde am Abend in Kairo erwartet. Insgesamt will das Auswärtige Amt bis zu 1900 Menschen, die vor den Auseinandersetzungen in Libyen geflüchtet waren, aus Tunesien ausfliegen lassen. Geplant sind nach Auskunft einer Ministeriumssprecherin bis zu zehn Flüge. Insgesamt hat das Auswärtige Amt für Flüchtlingshilfe 2,8 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Die britische Marine hat unterdessen ein Schiff mit libyschen Banknoten im Wert von 100 Millionen Pfund (rund 119 Millionen Euro) an Bord gestoppt und in einen britischen Hafen zurückgeleitet. Das Schiff hatte am vergangenen Wochenende vergeblich versucht, den Hafen von Libyens Hauptstadt Tripolis zu erreichen, teilte das Innenministerium in London mit. Die britischen Behörden hätten das Schiff ausfindig gemacht, abgefangen und in den Hafen von Harwich geleitet. Einige der Container seien „an einen sicheren Ort“ gebracht worden.

Die libysche Währung Dinar wird von einer Druckerei in Großbritannien hergestellt. Im Rahmen der jüngsten Sanktionen der Vereinten Nationen darf die Währung nicht mehr ausgeführt werden. Der Ausfuhrstopp gilt zunächst bis nächstes Jahr. (AFP/KNA/Reuters/dpa)

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