Politik : Liebe, Freundschaft, Konkurrenz

40 JAHRE ELYSEEVERTRAG

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Von Gerd Appenzeller

Es war wirklich typisch. Typisch deutsch und typisch französisch. Als Paris ankündigte, mit großer Geste den 40. Jahrestag des ElyséeVertrages in einer gemeinsamen Sitzung von Nationalversammlung und Bundestag im Schloss von Versailles feiern zu wollen, machten sich in Berlin die journalistischen und politischen Buchhalter ans Werk. Zu teuer, zu luxuriös, befanden sie und bekamen ein Glitzern in den Augen, als hätte Parlamentspräsident Wolfgang Thierse auf Staatskosten einen gemeinsamen Bordellbesuch in der französischen Hauptstadt geplant.

Gefeiert wird nun doch, ganz offiziell, aber im Ruck-Zuck-Verfahren. Morgens hin und abends zurück geht die Reise der Bundestagsabgeordneten. Damit bloß niemand auf die Idee kommt, die Sache sei etwas anderes als pure Pflichterfüllung. Wie dumm! Wie kleinkariert! Der Elyséevertrag ist ja so etwas wie der Ehevertrag einer Beziehung, die auf Vernunft und Neugier gegründet ist, gepaart mit einem kleinen Schuss Misstrauen. Wenn da nach 40 Jahren noch immer eine gewisse Spannung über der eigentlichen Erfolgsgeschichte liegt, immer noch ein Hauch des Unbekannten und Unerkannten im Partner geblieben ist, was die Chose aufregend bleiben lässt, wäre das eigentlich ein richtiges Fest wert.

Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der Visionen in der Politik für etwas hielt, was der Behandlung durch einen Arzt bedürfe, glaubt nicht, dass es wirklich eine deutsch-französische Freundschaft gibt. Schmidt tut gerne so, als seien schon Gefühle eine Vision. Was er so unterkühlt aussprach, war positiv gemeint und begründet. Deutschland und Frankreich verbindet Freundschaft – die es zwischen vielen Menschen in beiden Ländern als Frucht der fast 1900 Städtepartnerschaften und dank des Deutsch-Französischen Jugendwerkes gibt, durch das in den letzten 40 Jahren sieben Millionen Jugendliche das jeweils andere Land kennen lernten. Aber es ist mehr als Freundschaft.

Denn beide Länder, ihre Politiker, Künstler, Manager und Touristen haben begriffen, dass Frankreich und Deutschland nur miteinander und niemals gegeneinander oder auch nur ohne einander eine Zukunft haben. Sie zerfleischten sich zwei Jahrhunderte lang in Kriegen und hörten dennoch nie auf, den anderen zu bewundern. Die Deutschen bei den Franzosen ihre Lebensart, ihre vermeintlich größere Versiertheit in Fragen der Liebe, die Geschmackssicherheit und Kultiviertheit. Die Franzosen bei den Deutschen die Effizienz ihrer Industrie, die klaren Strukturen der staatlichen Verwaltungen, den hohen Organisationsgrad und die Zuverlässigkeit aller öffentlichen Einrichtungen. Beide Völker haben gelernt, sich als zugleich abstoßende und anziehende Pole zu begreifen, wie geschaffen, sich nicht zu vernichten, sondern zu ergänzen. Zum Beispiel als Motor der europäischen Einigung.

Mit dem Fall der Mauer schien dieses kluge Ausbalancieren der Interessen kurzzeitig gefährdet. François Mitterrand durchlitt damals erneut den französischen Alptraum von der deutschen Hegemonie und suchte deshalb verzweifelt, den Zug in Richtung deutsche Wiedervereinigung zu stoppen. Vergeblich, wie er schnell begriff. Aber die Bundesrepublik entwickelte sich ohnedies nicht zur kontinentalen Supermacht, die alle Bindungen zu lösen drohte. Das Land wurde durch die Lasten der Wiedervereinigung und die Phantasielosigkeit, mit der es sie zu schultern suchte, aus der ökonomischen Spitzenrolle verdrängt. Deutschland, das haben nicht nur die Franzosen begriffen, wird nie wieder irgendjemand gefährlich werden. Dazu ist es viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Gerhard Schröder ist freilich der erste Kanzler, der sich nicht scheut, Deutschlands außen- und wirtschaftspolitische Interessen zu artikulieren. Daran haben sich auch die Franzosen gewöhnen müssen. Deutschland ist nun größer als Frankreich. Es würde aber nie wagen dürfen, von Grandeur zu sprechen. Beide Länder konkurrieren miteinander. Nicht gegeneinander. Das bleibt entscheidend. Denn wenn Europa jemals einen Machtfaktor in der Partnerschaft mit den USA bilden können sollte, dann nur im anhaltenden gemeinsamen Bemühen Deutschlands und Frankreichs. Auf so viel Gemeinsamkeit darf man dann auch ruhig anstoßen, in Paris und in Berlin.

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