Politik : Lieber mitmachen als abseits stehen

Die türkische Regierung schickt Soldaten an die Grenze zum Irak – wenn der Militärschlag beginnt, will Ankara nicht ganz ohne Einfluss sein

Susanne Güsten[Istanbul]

Weinende Angehörige versuchen dieser Tage auf den türkischen Bahnhöfen, einen letzten Blick auf die Soldaten zu erhaschen, die an die irakische Grenze verlegt werden. Aus dem ganzen Land rollen jetzt Militärtransporte nach Süden. In der Türkei hat die Mobilmachung für einen Irak-Krieg begonnen – einen Krieg, den das Land nicht will. Nach langem Widerstand gegen das Drängen der USA fügte Ankara sich jetzt schweren Herzens: Noch in dieser Woche soll das Parlament ersten US-Einheiten die Stationierung auf türkischem Boden erlauben. Seit dem Wochenende läuft die Mobilisierung der eigenen Armee für die kommende Konfrontation im Nordirak.

Lange hatte die türkische Regierung mit ihrer Entscheidung gezögert, doch angesichts der amerikanischen Ultimaten sah sie keine Wahl mehr. Wenn der Krieg ausbreche, dann müsse die Türkei so oder so die Konsequenzen tragen, bewertete der Nationale Sicherheitsrat in Ankara die Situation: Dann müsse die Türkei mit bis zu einer Million Flüchtlingen aus dem Irak fertig werden, dann könnten tausende Kämpfer der kurdischen Arbeiterpartei PKK ins Land einsickern, dann sei die Gründung eines Kurdenstaats im Nordirak zu befürchten. Wenn der Krieg nicht zu verhindern sei, dann sei die Türkei besser beraten, Einfluss auf die Geschehnisse nehmen zu können – und mit den USA zu kooperieren.

In einem ersten Schritt soll das Parlament deshalb diese Woche den Ausbau türkischer Stützpunkte durch US-Einheiten genehmigen. Spätestens nach dem Bericht der UN-Inspekteure am 14. Februar soll den USA auch eine Truppenstationierung erlaubt werden, die umfangreicher ausfallen könnte als bisher anvisiert: Wenn es den Krieg schon geben müsse, dann sei es besser, wenn er so schnell wie möglich durchgezogen werde, heißt es in Ankara. Deshalb könnte die Türkei bis zu 50 000 US-Soldaten den Durchmarsch in den Nordirak gestatten. Zudem soll die Stationierung von 350 US-Kampfjets genehmigt werden.

Vorrang hat für die Türkei aber die Sicherung der eigenen Interessen, und die vertraut sie nur den eigenen Streitkräften an. Um eine Flüchtlingswelle jenseits der Grenze abzufangen, um die irakischen Kurden an einer Staatsgründung zu hindern und um die PKK aus dem Land zu halten, soll die türkische Armee im Kriegsfall selbst in den Nordirak einmarschieren – und zwar mit einer Truppenstärke, die dem amerikanischen Aufgebot dort mindestens ebenbürtig ist.

Mehr als 50 000 Soldaten muss die türkische Armee deshalb an der Grenze einsatzbereit machen. Während ständig neue Truppentransporte und Militärkonvois im Grenzgebiet eintreffen, macht sich auch die dortige Zivilbevölkerung auf die Socken: Alle Überlandbusse aus der Region heraus sind hoffnungslos überbucht.

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