Politik : Lieber Plan

Die Geburt eines Neuen Menschen: Stefan Wolle vollendet seine Trilogie zur DDR-Geschichte.

Hannes Schwenger

Unter den drei Bänden seiner Geschichte von Alltag und Herrschaft in der DDR ist der jüngste über die Jahre 1949–1961 der einzige, dessen Berichtszeitraum der Autor nicht bewusst oder nur als Kind erlebt hat. Stefan Wolle, 1950 geboren und heute Leiter des Berliner DDR-Museums, hat seine ebenso persönliche wie quellengesättigte DDR-Geschichte vom Ende her geschrieben – den ersten Band über „Die heile Welt der Diktatur“ (inzwischen in 4. Auflage) über die Jahre 1971–1989, deren Erlebnis ihn in die Reihen der Bürgerbewegung und DDR-Opposition führte. Es waren die Jahre der von Günter Grass so genannten kommoden Diktatur Erich Honeckers, die auf Walter Ulbrichts strengeres Regiment folgte, für das Stefan Wolle aber erstaunlich milde Charakteristika findet: Als „Aufbruch nach Utopia“ beschreibt er im zweiten Band seiner Trilogie die Jahre nach dem Mauerbau, als „Großen Plan“ die frühen Jahre der DDR im dritten und letzten Band.

Das ist durchaus treffend, wenn man damit, wie Wolle es gleich eingangs tut, den Primat der Ideologie in der Ära Ulbricht charakterisiert. Allerdings kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch schon damals der Alltag grau, die Herrschaft streng und der Große Plan vom Aufbau des Sozialismus eine scheiternde Utopie war. Stefan Wolle gibt sich alle Mühe, ihre Faszination im nostalgischen Licht seiner Kinder- und Jugendjahre nachzuvollziehen, wenn er die Aufbruchsstimmung der jungen DDR und den „Sozialistischen Frühling auf dem Lande“ – sprich Zwangskollektivierung – ins Gedächtnis ruft und sie mit Zitaten aus dem Liederbuch der Thälmann-Pioniere Seid bereit! illustriert: „Lieber Plan / lieber Plan / was hast du für uns getan? / Schuh und Kleider euch gebracht, schwarze Brötchen weiß gemacht / das hab ich getan. / Überall wohin ihr schaut / Häuser, Schulen aufgebaut / das hab ich getan. / Lieber Plan, können wir / dabei tüchtig helfen dir? / Für den Frieden lernt und wacht / Frieden alle glücklich macht. / Ja, das wollen wir!“

Doch Wolle kennt auch das Ende vom Lied: „Vom Wiegenfest zur Totenfeier“ titelt er den Prolog seiner Darstellung, die mit dem Volksfest zum Tag der Republik am 7. Oktober 1950 einsetzt und mit dem 13. August 1961 endet. Seine Darstellung versucht beiden Seiten der frühen DDR-Geschichte gerecht zu werden: Der Hoffnung auf ein – vor der Negativfolie von Faschismus, Kapitalismus und Restauration im Westen – besseres, antifaschistisches und antikapitalistisches Deutschland und dem Scheitern des „Großen Planes“ für den Aufbau des Sozialismus und die Geburt eines Neuen Menschen. Als Stationen der Hoffnung benennt er den ersten Fünfjahrplan, der nach den Hungerjahren der Nachkriegszeit einen „Aufschwung Ost“ versprach („Jetzt beginnt die Zeit der Erfolge“), begeisternde FDJ-Feiern wie das „Deutschlandtreffen“ an Pfingsten 195O und die Weltjugendfestspiele 1951, die Bildungsoffensive für Arbeiterkinder an den Arbeiter- und Bauernfakultäten, den Aufbau einer eigenen Schwerindustrie und den sowjetischen „Aufbruch ins Weltall“, die Walter Ulbrichts Zuversicht zu bestätigen schienen, man könne den Westen „überholen ohne einzuholen“.

Bis Mitte der 50er Jahre wähnte sich die SED noch „auf der Straße des Sieges“, nachdem sie den 17. Juni 1953 mit sowjetischer Hilfe überstanden hatte, der trotz des rasch verkündeten „Neuen Kurses“ auch die erste Station auf der Straße der Niederlagen markiert: Mit Stalins Tod und Denkmalssturz verblasste der Glaube an die Partei, die „immer recht“ haben wollte, aber der „kleine Stalin“ Walter Ulbricht überstand sowohl den 17. Juni wie – dank der Ungarnkrise – den XX. Parteitag der KPdSU und das sowjetische „Tauwetter“. Die Planwirtschaft begann zu lahmen, auf die Abschaffung der Lebensmittelkarten 1958 folgten schon 1959 neue, verdeckte Rationierungen. Der Siebenjahrplan von 1959 war zwar so vielversprechend wie der Fünfjahrplan von 1950, aber „als dieses Dokument verabschiedet wurde, zeichnete sich bereits die Versorgungskrise ab, die im Vorfeld des Mauerbaus zu einer zentralen politischen Frage werden sollte und nach dem 13. August 1961 keineswegs gelöst war“.

Erstaunlich wenig lesen wir bei Wolle vom Justizalltag der DDR, von der Entmündigung der Bürger durch Abschaffung der Verwaltungsgerichtsbarkeit (erst 1961 durch das Eingabenrecht halbherzig korrigiert), von hoffnungsvollen Reformen im Familienrecht ebenso wenig wie vom gnadenlosen Terror der DDR-Justiz. Dabei hat sie zur anschwellenden Massenflucht von DDR-Bürgern kaum weniger beigetragen als das 1955 endgültig installierte Ministerium für Staatssicherheit und sein Chef Erich Mielke. Die blutigrote Justizministerin Hilde Benjamin wird nur als Anklägerin einer „ruchlosen Bluttat“ in der Bundesrepublik erwähnt, ihr Generalstaatsanwalt und Alt-Nazi Melsheimer überhaupt nicht. Auch die Berufung eines einstigen Generalleutnants der Wehrmacht, Vinzenz Müller, zum Chef des Hauptstabs der NVA und stellvertretenden Verteidigungsminister der DDR ist Wolle keiner Erwähnung wert, obwohl sie ein eigenes Licht auf die antifaschistische Legitimation ihrer Herrschaft wirft, zu deren Alltag bald auch wieder der Kasernenhofdrill durch reaktivierte Wehrmachtsoffiziere gehörte. Ob auch dahinter ein „Großer Plan“ der SED stand? Die nationalen Phrasen, deren sich die SED gern bediente, lassen das vermuten. Mehr darüber las man schon in anderen Büchern des Links-Verlags, wie Daniel Niemetz’ „Das feldgraue Erbe. Die Wehrmachtseinflüsse im Militär der SBZ/DDR“ (2006) und Peter Joachim Lapps Biografie „General bei Hitler und Ulbricht. Vincenz Müller – eine deutsche Karriere“ (2003). So ist das große Thema – Alltag und Herrschaft in der DDR – auch mit den drei Bänden von Stefan Wolle noch nicht erschöpft. Was kein Einwand gegen sie ist. Hannes Schwenger







– Stefan Wolle:

Der große Plan. Alltag und Herrschaft in der DDR 1949–1961. Ch. Links Verlag, Berlin 2013. 440 Seiten, 29,90 Euro.

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