Politik : Lieber unauffällig

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Von Jürgen Zurheide,

Düsseldorf

Jürgen Möllemann wählte dann doch den Seitenausgang. Der letzte Beifall nach der Rede von FDP-Parteichef Guido Westerwelle war noch nicht ganz verklungen, da hatten sich die vielen Kameraleute schon wieder anders positioniert. Sie hatten den reichlich engen Saal am Düsseldorfer Rathausufer rasch verlassen, weil sie ein besonders aufschlussreiches Bild einfangen wollten: Wenn Jürgen Möllemann nach diesem Auftakt des FDP-Bundestagswahlkampfes händeschüttelnd durch den Hauptausgang zu seinem Wagen gegangen wäre, hätte er die vielen Transparente nicht übersehen können, sich vielleicht sogar den Demonstranten vor laufenden Kameras stellen müssen. Und genau das wollte der Stellvertreter von Guido Westerwelle ganz offenbar vermeiden.

Zu Beginn von Möllemanns Rede waren bereits einige junge Leute, Mitglieder der jüdischen Gemeinde, zum Rednerpult gestürmt und hatten ihn als „Antisemit“ beschimpft. Vor dem Saal warteten dann knapp 100 weitere überwiegend junge Menschen in blau-gelben Hemden mit für ihn wenig schmeichelhaften Aufdrucken dort versammelt hatten. „18 Prozent gegen Antisemitismus“ hatten sie getextet oder „FDP ohne Möllemann“. In einer Presseerklärung hatten sie eine „Aktion Liberal – gegen Populismus und Volkstümelei“ ins Leben gerufen. Ein Sprecher von Jürgen Möllemann erklärte daraufhin, dass die FDP nichts gegen jüdische Demonstranten habe, es aber inakzeptabel finde, dass nicht Liberale, sondern offenbar Mitglieder der jüdischen Gemeinde für die Erklärung „wahrheitswidrig als Autoren in Erscheinung“ treten. In diesem Punkt könnte sich der FDP-Sprecher zumindest teilweise irren. Dem Tagesspiegel sagte ein 21-jähriger Kölner unter den Demonstranten: „Ich bin bei den Julis, möchte aber meinen vollen n nicht nennen; nachher bekomme ich ein Parteiordnungsverfahren".

Im Saal hatte Möllemann leichteres Spiel. Zu den Debatten der jüngeren Vergangenheit machte er nur eine Bemerkung: „Weder Herr Stoiber noch Herr Schröder oder irgendeine Kirche bestimmen, wer Regierungsverantwortung übernimmt". An diesem Punkt brandete Beifall unter den liberalen Wahlkämpfern auf. Mit Blick auf den Antisemitismus-Streit hatte CSU-Chef Edmund Stoiber gerade erst der „Bild am Sonntag“ gesagt, Möllemann sei nicht mehr für jedes Amt in einer möglichen Koalition von CDU/CSU und FDP geeignet. „Nicht jeder Kandidat ist für uns zumutbar“, waren Stoibers Worte.

Ansonsten präsentierte Möllemann eine Rede, wie er sie ähnlich im Landtagswahlkampf des Jahres 2000 gehalten hatte. „Wir werden den unsäglichen Kurs von Rot-Grün verändern“, lautete seine Kernbotschaft auf dem Weg zu den gewünschten 18 Prozent. Guido Westerwelle intonierte die gleiche Melodie: „Nur mit 18 Prozent für die FDP wird Rot-Grün abgelöst". Wie Möllemann redete er viel über den Platz in der Mitte der Parteienlandschaft, die Debatte der vergangenen Wochen wollten beide offenkundig vergessen machen. Die Demonstranten vor der Tür hatten sie aber noch nicht vergessen.

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