Politik : Ließ die Sfor Armeechef Mladic laufen?

Markus Bickel

Sarajevo - Der frühere bosnisch-serbische Armeechef Ratko Mladic war bis Juni 2001 offiziell Angestellter der Jugoslawischen Volksarmee und stand sogar bis März 2002 auf der Gehaltsliste der Armee der Republika Srpska (RS). Das geht aus Mladics Militärakte hervor, die dem Tagesspiegel in Auszügen vorliegt. Wie sein damaliger Vorgesetzter, der bosnisch-serbische Expräsident Radovan Karadzic, ist der 62-Jährige wegen Völkermords während des Bosnienkrieges (1992–1995) vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagt.

Dokumente aus Diplomatenkreisen in Sarajevo belegen außerdem, dass die bis Anfang des Monats von der Nato geführte Bosnien-Schutztruppe (Sfor) im Sommer genaue Informationen über Mladics Aufenthaltsort besaß. So soll er sich Ende Juni im ehemaligen Hauptquartier der RS-Armee, nahe der ostbosnischen Kleinstadt Han Pijesak, versteckt gehalten haben. Es sei bekannt, dass Mladic hier öfter Unterschlupf suche, „insbesondere für Trinkgelage mit seinen Männern, um Geburtstage und den Tag der bosnisch-serbischen Armee“ zu feiern. Dieser findet am 28. Juni statt.

Der Sprecher der Sfor-Nachfolgeorganisation Eufor, Chris Percival, wollte am Donnerstag keine Auskünfte darüber geben, ob Sfor-Einheiten versucht hätten, Mladic damals festzunehmen. Er räumte jedoch ein, „dass eine Operation auf einem RS-Militärgelände in der Nähe von Han Pijesak stattgefunden“ habe.

Bereits im Januar dieses Jahres hatte ein detaillierter Bericht des Bundesnachrichtendienstes (BND), den die bosnische Tageszeitung „Dnevni Avaz“ veröffentlichte, für Aufsehen gesorgt: Demnach soll Mladic im November 2003 einer Verhaftung durch BND-Leute im serbischen Valjevo nur knapp entgangen sein. Danach floh er über Han Pijesak ins Haus seiner voriges Jahr verstorbenen Mutter nach Kasindol bei Sarajevo. Weil dort jedoch Sfor-Geländewagen auftauchten, sei er mit drei seiner Bodyguards weiter nach Pale gezogen. Ein Zugriff erfolgte unter anderem wohl deshalb nicht, weil die beteiligten deutschen Soldaten keine Zustimmung aus dem Verteidigungsministerium in Berlin für eine solche Aktion erhielten.

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