Linke : Lafontaine nimmt sich zurück

Linksparteichef Oskar Lafontaine kandidiert nicht mehr für das Amt des Fraktionsvorsitzenden. Der 66-Jährige will sich auf seine Arbeit als Parteichef konzentrieren und plädiert "für eine pluralistische Führung".

Cordula Eubel[Rheinsberg]
Konstituierung Bundestagsfraktion Die Linke
Pluralismus. Pau, Lafontaine, Gysi.Foto: dpa

Oskar Lafontaine lässt auf sich warten. Eine Dreiviertelstunde kommt er zu spät zur Klausur der neuen Bundestagsfraktion in Rheinsberg. Und es vergeht eine weitere Stunde, bevor er den versammelten Abgeordneten im Konferenzsaal mitteilt, was viele von ihnen auch erst kurz vorher aus den Nachrichten erfahren haben: „Ich werde die Fraktion nicht mehr weiterführen.“ Eine Entscheidung, in die er nur einen kleinen Zirkel eingeweiht hatte. Und von der Lafontaine später behauptet, er habe sie nicht aus heiterem Himmel getroffen. „Ich habe seit langem die Absicht gehabt, mich auf eine Aufgabe zu konzentrieren“, sagt er. Wohl auch, um dem Eindruck vorzubeugen, dass er wieder einmal hinschmeißt, so wie im Frühjahr 1999, als er von einem Tag auf den anderen als SPD-Vorsitzender und als Finanzminister zurücktrat.

Oskar Lafontaines politisches Leben
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09.10.2009 16:25Oskar Lafontaine bewegt seit Jahrzehnten die Gemüter der Deutschen. Wie kaum ein anderer Politiker polarisiert er: Die Menschen...


Was hat den Machtpolitiker Lafontaine dazu gebracht, auf den Fraktionsvorsitz zu verzichten? Er selbst erklärt den überraschenden Rückzug mit der innerparteilichen Debatte über seine bisherige Doppelfunktion als Fraktions- und Parteichef. „Wir sind besser beraten, eine pluralistische Führung zu haben“, erklärt er den Abgeordneten. Die Vorstellung, dass der Saarländer ab 2010 alleine die Partei führen könnte (ab dann sieht die aktuelle Satzung nur noch einen Vorsitzenden vor), hatte bei einigen in der Linkspartei Unbehagen ausgelöst. Doch Lafontaine hat an diesem Freitag eine zweite überraschende Botschaft parat: Er wirbt dafür, künftig weiter eine Doppelspitze zu wählen – sowohl in der Partei als auch in der Fraktion. Und zwar streng nach Proporz: je einen Mann und eine Frau, davon einen aus dem Osten und aus dem Westen. So, als ob er allen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen wollte.

Lafontaine, der plötzlich auf die Befindlichkeiten der Partei Rücksicht nimmt? Oder der nicht vielleicht doch etwas mehr Rücksicht auf sich selbst nehmen will? Seit Anfang des Jahres hatte es immer wieder Spekulationen über den Gesundheitszustand des 66-Jährigen gegeben. In den vergangenen Monaten nahm er sich im Wahlkampf zurück: Die Zahl der Auftritte war überschaubar, seine Stimme manchmal etwas angeschlagen. Einen Rückzug auf Raten, versichert Lafontaine jedenfalls, habe er nicht angetreten. „Sie werden in den nächsten Wochen und Monaten erleben, wie zurückgezogen ich lebe“, kommentiert er. Er kündigt an, dass er im Mai 2010 auf dem Parteitag wieder als Vorsitzender kandidieren wird. Sein Bundestagsmandat will er auch behalten.

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29.07.2009 08:291999 hatte Oskar Lafontaine fünf Monate nach dem rot-grünen Regierungswechsel im Streit mit Kanzler Gerhard Schröder um den...


Mit der aktuellen Entwicklung im Saarland habe sein Beschluss auch nichts zu tun, erklärt Lafontaine. Dort entscheidet sich am Sonntag, ob es auf eine rot-rot-grüne Koalition hinausläuft oder ob die Grünen lieber eine Jamaika-Koalition eingehen wollen. Welche Rolle er an der Saar einnehmen will, lässt Lafontaine offen. Dort auch noch den Fraktionsvorsitzenden zu geben, sei für ihn keine Überforderung, erklärt er am Vormittag intern.

Die 76 Linken-Abgeordneten setzen derweil weiter auf ihren bisherigen Vorsitzenden Gysi. Ihn wählten sie mit gut 94 Prozent der Stimmen zum Fraktionschef. Wer künftig in der Fraktion, die zu mehr als einem Drittel aus Neulingen besteht, seine Mitvorsitzende aus dem Westen werden soll, ist allerdings unklar – „die können wir nicht aus dem Hut zaubern“, sagt Gysi. Wie er sich Lafontaines neue Rolle als Hinterbänkler im Bundestag vorstellt, macht er ebenfalls deutlich: „Als Parteivorsitzender kann er weiter zünftige Reden im Bundestag halten.“  

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