Linken-Chef Bernd Riexinger : Versöhnen und spalten

Der Schwabe Bernd Riexinger möchte der nette Parteichef der Linken sein. Doch immer wieder geht es auf seiner Sommertour durch Mecklenburg-Vorpommern um Ost und West.

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Im fernen Osten. Der Linken-Vorsitzende Bernd Riexinger in Rostock. Foto: dpa
Im fernen Osten. Der Linken-Vorsitzende Bernd Riexinger in Rostock.Foto: dpa

So ganz perfekt fängt er nicht an, der Besuch des neuen Linken-Bundesvorsitzenden in Mecklenburg-Vorpommern. Er freue sich auf „Roschtog“, schwäbelt Bernd Riexinger zu Beginn der Rundfahrt durch den Hafen der Hansestadt. Um gleich darauf vom Landesvorsitzenden, dem Rostocker Bundestagsabgeordneten Steffen Bockhahn, berichtigt zu werden: „Ross-tock“ muss es natürlich heißen, gesprochen mit scharfem „s“.

Bockhahn wird auf dem Fehler des neuen Vorsitzenden auch später noch ein paar Mal stur herumreiten. Er werde später beim abendlichen Rostocker Pils „sagen, wie das wirklich geht“, kündigt der 33-Jährige an. Er sei optimistisch, denn Riexinger sei „auf jeden Fall ein bemühter Vorsitzender“. Dann sucht Bockhahn doch eine Gemeinsamkeit: Riexinger und er, beide wollten eine starke Linke, und deshalb sei es jetzt „auch egal“, dass viele aus dem Nordosten vor zwei Monaten auf dem Göttinger Parteitag für den gebürtigen Stralsunder Dietmar Bartsch gestimmt hätten und nicht für den Stuttgarter Gewerkschaftsfunktionär Riexinger, 56, der schließlich gewann.

Die beiden neuen Vorsitzenden sind in diesen Wochen auf Tour kreuz und quer durch die Republik, erst Riexinger, demnächst seine Ko-Chefin Katja Kipping aus Sachsen. Dass der Schwabe Riexinger keinem anderen Bundesland so viel Zeit widmet wie Mecklenburg-Vorpommern – drei Tage – ist kein Zufall. Bei den pragmatischen Genossen im Nordosten hatte die alte Bundesspitze um Klaus Ernst und Gesine Lötzsch völlig verspielt, die Funktionäre gingen sich aus dem Weg, so gut es ging. Nun tastet man sich vorsichtig ab. Der neue Vorsitzende sei ja, sagt ein Parteifunktionär, ein „unbeschriebenes Blatt“.

Riexinger kann schlecht verbergen, dass er sich in einem für ihn fremden Land bewegt. Vor der Wende war er nur einmal in der DDR, eine einwöchige Gruppenreise der Pfadfinder nach Dresden. Auf Rügen hat er mal vor Jahren mit seiner Lebensgefährtin, einer Sozialpädagogin aus Stuttgart, Ferien gemacht. Jetzt gibt er beim Besuch eines Altenpflegeheims der Volkssolidarität in Warnemünde zu, dass ihm der Name dieses Sozialverbandes – der größte im Osten – vorher „gar nicht viel“ gesagt habe. „Bei euch im Osten“, sagt er immer wieder bei den Gesprächen mit Aktivisten, „bei uns im Westen“, „Ihr“ und „wir“. In Sagard auf Rügen berichten die Bürgermeisterin Aenne Sahr und die frühere Landrätin Kerstin Kassner, beides engagierte Funktionärinnen der Linken, von den Nöten beim Parteiaufbau auf Deutschlands größter Insel. Riexinger fällt dazu ein, dass er vor ein paar Tagen im thüringischen Eisenach war: „Die Beiträge der Genossen waren klasse. Ihr habt da richtig gute Leute.“

Riexinger, offenes Hemd, Sakko, Jeans, randlose Brille, ist kein auffälliger Politiker – und will es auch gar nicht sein. Eitelkeit ist ihm fremd. „Ich finde, ein guter Parteivorsitzender muss sich zurücknehmen können“, sagt er. Es gehe darum, in die Partei hineinzuhören und „nicht die eigene Person in den Vordergrund zu bringen“. Für den Bundestag will Riexinger 2013 nicht kandidieren, stattdessen „hohe Präsenz“ im Karl-Liebknecht-Haus zeigen, der Parteizentrale. Er bestreitet vehement, ein Zögling des Ex-Vorsitzenden Oskar Lafontaine zu sein.

Am ersten Abend seiner Tour durch den Nordosten hat die Partei zum Informationsabend in einen Nebenraum der Rostocker Stadthalle eingeladen. Rund 200 Leute sind gekommen, doppelt so viele sind erwartet. Der Kreisvorsitzende Wolfgang Methling wundert sich, dass „sogar“ ein Reporter des Bayerischen Rundfunks im Saal ist. Riexinger versucht, sich kämpferisch zu geben, ballt während seiner Rede immer wieder die Fäuste. Er fordert, dass man doch eigentlich jeden Abend Beispiele „sozialer Arbeit“ vor der Tagesschau einblenden müsse „und nicht die Börsenkurse“. Die Moderatorin versucht, Riexinger ein paar persönliche Dinge zu entlocken. Er erzählt von seinen linken Lehrern. Und stellt klar, dass er als Banklehrling bei der Leonberger Bausparkasse nicht so geschniegelt habe herumlaufen müssen wie bei einer normalen Bank.

Die Basis findet ihren neuen Vorsitzenden „sehr nett“, er sei „angenehm berührt“, sagt ein Funktionär. Und Riexinger selbst gibt sich alle Mühe, auch wirklich nett zu sein. Katja Kipping überlässt er die unkonventionellen Vorschläge, lobt sie als „ungeheuer strukturiert und intelligent“. Auf der Sommerreise lobt er die „angenehmen Farben“ im Pflegeheim, den engagierten Leiter des Nationalparks. „Toll“, „super“ oder „sehr freundlich“ ist fast alles, was er gezeigt bekommt. Selbst der Bürgermeisterin von Sagard widerspricht er nicht, als die vom „Nachteil“ spricht, demnächst sieben „Asylanten“ aufnehmen zu müssen, einen „Drohbrief“ habe der CDU-Landrat deshalb geschickt. Riexinger sagt, dem müsse man wohl mal gutes Benehmen beibringen.

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