Linkspartei : Frau Müller überzieht

Am Ende hat der Linken-Parteitag doch noch seinen Streit – das Familienkonzept der Lafontaine-Ehefrau provoziert die Genossen.

Cordula Eubel
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Doppelte Botschaft. Oskar Lafontaine und seine Frau Christa Müller auf dem Parteitag der Linken in Cottbus. -Foto: dpa

CottbusDen Streit auf offener Bühne wollte die Linke eigentlich vermeiden. Doch als Christa Müller, die Ehefrau von Oskar Lafontaine, zum Mikrofon schreitet, ist klar, dass es am Ende des Parteitags in Cottbus doch noch Zoff geben wird. Die umstrittene Familienpolitikerin aus dem Saarland („für manche Kinder ist Krippenbetreuung eine traumatische Erfahrung“) fordert die Delegierten auf, den Antrag zur Familienpolitik abzulehnen, den gerade die Delegierte Christiane Reymann eingebracht hat, Vertreterin der parteiinternen Frauenorganisation Lisa.

Unter Pfiffen der Delegierten wirbt Müller stattdessen für ihr Erziehungsgehalt von 1600 Euro, das sie Müttern (und Vätern) zahlen will, die für die Kindererziehung zu Hause bleiben. Jeder müsse die Freiheit auf Selbstverwirklichung haben. „Das ist echte Wahlfreiheit“, sagt Müller. Sie hatte ihre Partei schon in der Vergangenheit mit ihren Thesen zur Familienpolitik provoziert, vor allem, als sie in einem Interview die „seelischen Verletzungen“ durch die Krippenbetreuung mit der Genitalverstümmelung verglich.

Nur ein Dutzend der Delegierten steht hinter Müller

Vor dem Parteitag hatte es mehrere Anträge zur Familienpolitik gegeben, die sich kritisch mit Müllers Positionen auseinandersetzten. Der Bezirksverband Hamburg-Nord hatte sie sogar aufgefordert, als familienpolitische Sprecherin des Saarlands zurückzutreten. Um den offenen Schlagabtausch zu verhindern, wurden die Anträge im Vorfeld des Parteitags in einen zusammengeführt, in dem Müller nicht mehr namentlich erwähnt wird, die inhaltlichen Positionen aber klargemacht werden: für den Ausbau von Kinderkrippen und gegen ein Erziehungsgehalt.

Dass es eine übergroße Mehrheit sein wird, die für den Antrag mit dem Titel „Für eine emanzipatorische Familienpolitik“ votiert, ist schon absehbar, als die Delegierte Reymann für ihn wirbt. Sie bringt den Saal zum Jubeln, es gibt stehende Ovationen. Nur etwa ein Dutzend der 562 Delegierten schließt sich in der Abstimmung der ablehnenden Position Christa Müllers an.

"Weine nicht, ich komm zurück"

Eine Niederlage, die noch dadurch unterstrichen wird, dass unmittelbar nach der Abstimmung der Spot eingeblendet wird, mit dem die Linke für den Krippenausbau wirbt. „Tschüss Mama, weine nicht, ich komm zurück“, singt lautstark ein Chor von Kindern, auf dem Weg in den Kindergarten. Doch ein solcher Triumph sorgt selbst bei denen für Unmut, die für die Familienkampagne der Linken sind. „So können wir mit einer Minderheit, konkret mit der Genossin Christa Müller, nicht umgehen“, kritisiert wenig später die Linken-Politikerin Petra Pau, Vizepräsidentin des deutschen Bundestags.

Eine Entschuldigung muss auch Wolfgang Ferner aussprechen, der Sitzungsleiter. Als Müller bei ihrem Plädoyer gegen den Familienantrag ihre Zeit überzogen hatte, unterbricht er die „Frau Müller“ harsch. Ein Delegierter will danach wissen, warum der Sitzungsleiter die einen als Genossen und Genossinnen bezeichne – und die anderen als „Frau Müller“.

Es ist eine deutliches Signal, das der Parteitag an Christa Müller sendet, indirekt aber auch an Oskar Lafontaine, der sich nach Ansicht mancher Genossen nicht eindeutig genug in der Familienpolitik positioniert. Lafontaine muss nach diesem Parteitag ohnehin mit einer doppelten Botschaft nach Hause reisen. Für seine fulminante Rede am Samstag haben die Delegierten ihn bejubelt. Sie haben ihm aber kein überragendes Wahlergebnis gegönnt. Mit einer Zustimmung von 78,5 Prozent hat Lafontaine bei seiner Wiederwahl als Parteichef nicht nur ein deutlich schlechteres Ergebnis als beim Gründungsparteitag vor einem Jahr erhalten, sondern auch weniger Stimmen als sein Co-Parteichef Lothar Bisky (81,3 Prozent). So als ob die Basis Lafontaine signalisieren wollte: Übertreib’ es nicht!

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