Linkspartei : Verbotene Debatte über Lafontaine-Nachfolge

Die Linkspartei will über die Lafontaine-Nachfolge nicht reden – doch sie scheitert mit diesem Vorsatz.

Matthias Meisner

Berlin - Die Linkspartei streitet: Die einen über die Nachfolge von Oskar Lafontaine, die anderen darüber, ob eine solche Debatte sich verbietet. Während sich der Parteichef am Donnerstag in die Uniklinik Homburg/Saar begab, um sich einer Krebsoperation zu unterziehen, fielen die Genossen übereinander her. Vor allem Bodo Ramelow, Fraktionschef in Thüringen und selbst interessiert am Spitzenamt, musste sich gegen heftige innerparteiliche Angriffe verteidigen. In zahlreichen Interviews versicherte er, es gebe keine Nachfolgedebatte. Er selbst strebe „tagesaktuell“ nicht den Parteivorsitz an.

In die Kritik einbezogen wurde auch Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch, gleichfalls an der Lafontaine-Nachfolge interessiert. Parteifreunde verdächtigten ihn hinter vorgehaltener Hand, Informationen über Lafontaines Privatleben – eine angebliche Affäre mit der Kommunistin Sahra Wagenknecht – der Presse zugespielt zu haben. Bartsch hatte sich mit der Aussage zitieren lassen, es gebe keinen Zusammenhang zwischen Lafontaines Rückzug vom Fraktionsvorsitz und seiner jetzigen Erkrankung. NRW-Landeschef Wolfgang Zimmermann griff Bartsch und Ramelow in der Zeitung „Junge Welt“ als „pietätlos“ an. Parteivize Klaus Ernst sagte an die Adresse von Ramelow, es sei „geschmacklos, jetzt ungefragt Namen ins Spiel zu bringen, wo wir einen amtierenden Vorsitzenden haben“. Bartsch nahm im Sender N24 die Entscheidung über die politische Zukunft von Lafontaine vorweg: „Oskar Lafontaine ist Parteivorsitzender der Linken. Er wird im Mai nächsten Jahres wieder kandidieren.“

Doch hinter den Kulissen geht die Diskussion ungebremst weiter. Ohne damit zitiert werden zu wollen, spekulierten Spitzenpolitiker der Linken weiter über ein Ende von Lafontaines politischer Laufbahn. Fidel Castro, Kubas Staatschef, sei ja „ganz lange“ geblieben, „so lange“ werde Lafontaine wohl nicht bleiben, hieß es. Ein Engagement von Lafontaine und Gregor Gysi im Bundestagswahlkampf 2013 sei zwar vorstellbar und wünschenswert, nicht aber eine weitere Spitzenkandidatur. Denn die beiden Vormänner, jetzt 66 und 62 Jahre alt, könnten die Partei wohl kaum noch bis 2017 prägen. Lafontaine stehe für den Erfolg im Westen, sichere gegenwärtig auch die innere Balance der Partei. Andererseits habe er „seine großen Ziele erreicht“, darunter die Ablösung von Gerhard Schröder als Kanzler und die Etablierung der Linken im Parteiensystem. „Ich glaube, dass er nicht die Absicht hat, nochmal ernsthaft in ein Bundeskabinett zu gehen“, sagte ein Funktionär.

In Gegensatz zur Diskussion in der Linkspartei überboten sich Sozialdemokraten mit Solidaritätsadressen. Die „Bild“-Zeitung zitierte eine E-Mail von Altkanzlergattin Doris Schröder-Köpf an Lafontaine: „Lieber Oskar, die Zeit ist vergangen, die Wut auch. Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute. Liebe Grüße.“ SPD-Bundestagsfraktionschef Frank-Walter Steinmeier wünschte Lafontaine „baldige Genesung und alles Gute“. Ex-SPD -Chef Rudolf Scharping, 1995 auf dem Mannheimer Parteitag von Lafontaine gestürzt, sagte, wenn es um die Gesundheit gehe, müsse man über politische Gräben hinwegsehen. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles spekulierte über eine Linkspartei ohne Lafontaine an der Spitze. Dies würde zu einer „Belastungsprobe erster Ordnung“ für die Linke, sagte sie: „Dann wird diese Partei zerfallen.“

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