Politik : Lipobay-Skandal: Fingerzeige

Oliver Heilwagen

Wer ist schuld am Lipobay-Skandal? Ist es der Bayer-Konzern, der über das todbringende Medikament zu spät informierte? Haben die Behörden geschlafen? Oder sind die Ärzte und Apotheker verantwortlich, die ihren Patienten schädliche Arznei-Kombinationen verschrieben und verabreichten? Eine Woche, nachdem Bayer das Präparat vom Markt nahm, hat eine hektische Suche nach Sündenböcken begonnen.

Der Präsident der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft, Thomas Dingermann, eröffnete den Schlagabtausch in der Zunft. In der "Frankfurter Rundschau" sagte er, die Verantwortung liege in erster Linie bei den Ärzten und in zweiter Linie bei den Apothekern: Sie müssten dafür Sorge tragen, dass der Patient keine Pillen bekomme, die miteinander unverträglich seien. Durch "Unaufmerksamkeit" der Mediziner sei das in vielen Fällen nicht gewährleistet.

Diesen Vorwurf will die organisierte Ärzteschaft nicht auf sich sitzen lassen. Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, wies die Unterstellung zurück, die Mediziner motiviere Habgier: "Deutschlands Ärzte sind nicht bestechlich!" Sein Berliner Amtskollege Günter Jonitz gab den Schwarzen Peter an die Pharmaindustrie zurück: Ihre "Vertreter indoktrinieren die Ärzte", damit sie möglichst viele Präparate verordneten. Mit aufwändigen Werbekampagnen sorge sie für die weite Verbreitung präventiv wirkender Medikamente, deren Nutzen oft gering oder zweifelhaft sei. Jonitz appellierte an seine Standesgenossen, sich beim Verschreiben von Rezepten zurückzuhalten. Gegen das so genannte "Ärzte-Hopping", bei dem ein Patient mehrere Mediziner aufsucht, um möglichst viele Pillen zu bekommen, sei aber wenig auszurichten.

Auch die Apotheker wehren sich gegen Schuldzuweisungen. "Sie sind gesetzlich verpflichtet, den Patienten über Medikamente zu informieren, soweit dies aus Gründen der Arzneimittelsicherheit erforderlich ist", betont Christiane Eckert-Lill, Geschäftsführerin Pharmazie der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Ein so genannter Rote-Hand-Brief von Bayer, der Anfang Juli vor der gleichzeitigen Einnahme von Lipobay und Blutfettsenkern warnte, habe seine Wirkung nicht voll entfalten können, weil Patienten in der Dauertherapie nur alle drei Monate ein neues Rezept einreichen. Im Übrigen seien sie häufig zu sorglos. "Zum Beratungsgespräch gehören immer zwei: Der, der berät, und der, der die Ratschläge annimmt", so Eckert-Lill. Allerdings räumte sie ein, dass Apotheker meist nicht genau wissen, wie viele und welche Medikamente der Kunde schluckt.

Um diesem Missstand abzuhelfen, schlägt Günter Jonitz vor, die medizinischen Daten über jeden Patienten bei den Krankenkassen oder der Kassenärztlichen Vereinigung zentral zu sammeln und zur Verfügung zu stellen. "Das Hauptproblem ist: Unser Gesundheitswesen ist kein lernendes System. Es fehlt eine systematische Rückkopplung aller Ergebnisse." Wenig hält Jonitz dagegen von dem Vorschlag des Kölner Gesundheitsökonomen Karl Lauterbach, mehr langfristige Studien über die Wirkungsweise neuer Präparate anzulegen. "Wenn eine Arznei zehn Jahre getestet wird, bevor sie auf den Markt kommt, ist sie veraltet", gibt Jonitz zu bedenken: "Absolute Sicherheit gibt es nicht."

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