Politik : Lipobay-Skandal: Ministerium: Bayer informierte zu spät

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Im Lipobay-Skandal hat das Gesundheitsministerium schwere Vorwürfe gegen den Bayer-Konzern erhoben. "Für uns ist die Informationspolitik von Bayer inakzeptabel", sagte Staatssekretär Klaus Theo Schröder am Donnerstag in Berlin. Bayer habe auf Anfrage erst am 10. August eine Studie vom 15. Juni über die Risiken von Lipobay vorgelegt. Dies sei "entgegen der Pflicht zur unverzüglichen Information" geschehen, sagte Schröder. Dem Pharma-Riesen droht mittlerweile eine Flut von Schadenersatz-Klagen in den USA. Bayer will daher den für September geplanten Börsengang in New York auf Februar 2002 verschieben.

"Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wurde nicht zeitgerecht informiert", kritisierte Staatssekretär Klaus Theo Schröder. Zumindest zeitgleich mit der Börsenaufsicht und den Bayer-Aktionären hätten die Gesundheitsbehörden informiert werden müssen.

Ob hieraus juristische Konsequenzen zu ziehen sind, ist noch unklar. Das Gesetz erlaubt höchstens 15 Tage für die Meldung schwerwiegender Nebenwirkungen. Die fragliche Bayer-Untersuchung war indes eine Querschnittsstudie, die verschiedene Varianten von Statinen - dem fraglichen Wirkstoff - vergleicht. BfArM-Präsident Harald Schweim sagte, vorläufig habe er den Eindruck, Bayer habe "vermutlich zu lange" gebraucht. Falls ein Verstoß vorliegt, kommt ein Ordnungsgeld bis 50 000 Mark in Betracht. "Das ist kein Betrag, der beeindruckt", sagte Schröder. Es sei vorstellbar, dass man künftig höhere Strafen verhänge.

Der Bayer-Konzern wies die Kritik des Bundesgesundheitsministeriums "ganz entschieden" zurück. Alle wesentlichen Informationen des Berichts über Lipobay an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hätten dem Institut bereits am 28. April vorgelegen.

Gesundheitsministerium und BfArM sehen kein eigenes Verschulden bei der Überwachung des Medikaments, das vor einer Woche vom Markt genommen wurde. Die Schwerfälligkeit der EU-Bürokratie sei für Reibungs- und Zeitverluste verantwortlich. Ein schnellerer und effektiverer Datenaustausch sei nun nötig. Derzeit gibt es rund 500 000 mit Lipobay behandelte Patienten in Deutschland. 234 unerwünschte Nebenwirkungen sind in der Bundesrepublik gemeldet worden, davon 91 Verdachtsfälle auf akute Zerstörung von Skelettmuskulatur. Sieben Patienten starben. Bei einem Todesfall vom Ende 1998 hält das BfArM eine Kausalität für möglich, bei zwei Todesfällen für vorläufig möglich.

In den USA laufen bereits mehrere Klagen gegen das Unternehmen. So haben US-Anwalt Ed Fagan und sein Kollege Bruce N. Nagel eine globale Sammelklage im Zusammenhang mit dem Medikament bei einem Bundesgericht in Newark eingereicht. Dem könnten sich auch Deutsche und andere Ausländer anschließen, sagte Fagan.

Der Münchener Anwalt Michael Witti hat bereits angekündigt, ebenfalls in den USA vor Gericht ziehen zu wollen. Nach seiner Aussage haben sich bei ihm mehr als 100 Personen gemeldet, die sich von dem Präparat geschädigt fühlen. Zur Höhe der Forderungen wollte Witti noch keine Angaben machen.

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