Politik : Litauen

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Adomas Kanopka,
Generation 25



Heute ist meine Heimat wie ein Schulanfänger, der zur Schule gekommen ist. Sie kämpft sich durch Bürokratiegänge der Europäischen Union, indem sie versucht, die Spielregeln zu durchschauen und sich zu Nutze zu machen, was diese Union einem kleinen Staat geben kann. Die Versuche sind nicht immer erfolgreich, weil wir durch den Mangel an Kenntnissen vor Angst gehemmt sind. Wir haben die Lebenserfahrung in einer anderen Union noch nicht vergessen. Ein halbes Jahrhundert lang ist alles absolut anders gelaufen. Und jetzt fühlen wir uns so frei, dass wir Hoffnung haben, unwillkürlich glücklich zu werden; uns öffnen sich so viele Möglichkeiten, dass wir – berauscht von ihnen – unser Leben nicht einmal mehr wenigstens für einige Jahre im Voraus planen (die sowjetische Fünfjahresplanung ist uns zuwider geworden!).

Die Sowjetokkupation ist schuld daran, dass ich in meiner Kindheit nicht mit Lego gespielt habe, dass Coca-Cola durch Pepsi ersetzt wurde und dass ich Freunde nur auf der östlichen Seite finden konnte. Die Bananen waren die besten Geschenke aus Moskau, der Hauptstadt der UdSSR, und ein Kaugummi – aus der selten besuchbaren Nachbarstadt Warschau... Die Okkupation ist daran schuld, dass ich nicht schlecht Russisch spreche und dass ich verstehe, eigentümliche Eigenschaften der slawischen Mentalität zu haben, dass ich hungrig nach Kenntnissen, Arbeit und „westlichem Verdienst“ bin. Die Litauer hatten eine klare Richtlinie: „Im Westen ist es gut zu leben“. Möglicherweise ist Litauen darum während der 16 Unabhängigkeitsjahre durch die Massenemigration so verblutet, vielleicht streben wir darum so bedenkenlos nach westlichen Lebensstandards.

Ich hoffe, dass die Litauer im Laufe der Zeit im Stande sind, die Werte der Litauen formell durchdringenden westlichen Kultur und die Reste der in der Sowjetzeit erschafften Widerstands- (Resistenz-)kultur schöpferisch zu verbinden. Wir können zur Brücke zwischen diesen weiten, füreinander exotischen und bei weitem nicht entdeckten Kulturen werden.

Der Autor, Jahrgang 1983, ist Direktor des Departements für Entwicklung und Kontrolle der Agentur „ŽIA Valda real estat“. Aus dem Litauischen von Živile Reupert.

 

Antanas Gailius,
Generation 50

Nicht aus Büchern, sondern aus der Lebenserfahrung eines Hausbesitzers weiß ich, dass ein Haus nie richtig fertig gebaut wird. Immer wieder gibt es etwas nach- und umzubauen. Umso mehr, wenn es sich um ein so altes Gebäude, wie unser Haus Europa handelt. Hier hat man nicht nur mit den praktischen Dingen zu tun, sondern auch noch mit den guten und schlechten Geistern, die das Haus bereits bewohnten, als wir noch überhaupt nicht auf der Welt waren. Europa ist unsere Erbschaft, die wir entweder pflegen und vermehren, oder auch verspielen können. Alle Varianten des Umgangs mit dem Erbe sind in der europäischen Literatur durchgespielt worden, man braucht nur ein wenig nachzulesen. Selbstverständlich gibt es auch die Möglichkeit, auf dieses Erbe zu verzichten. Doch haben wir ein anderes Zuhause?

Der Autor, Jahrgang 1951, lebt als Lyriker und Übersetzer aus dem Deutschen und Niederländischen derzeit in Vilnius.

 

Bronys Savukynas,
Generation 75

Der Autor dieses Schreibens, der während der Okkupationsjahre einen mäßigen Skeptizismus und einen vorsichtigen Optimismus entwickelte, sieht auch die Zukunft der EU von solchem Standpunkt.

Die EU ist vorläufig nur eine Wirtschaftsgemeinschaft, die sich im Werdestadium zur politischen Union befindet. Damit EU zur Integrationsunion der Staaten und Völker werde, ist es wichtig, dass die Mehrheit der Europäer sich folgender zwei Werte bewusst werde: europäischer Identität und der daraus entstehenden Solidarität. Die EU benötigt so eine Verfassung, in deren Präambel die Kriterien der europäischen Identität bzw. die daraus entstehenden Ideale der sinnvollen Zukunft definiert werden. Die Paragraphen der EU-Verfassung, die die Identität der Europäer und deren Bürgerrechte in ihren Staaten und in der Europäischen Union definieren, sind im Unterricht für Zivilerziehung in jeder Schule zu erläutern.

Die Integration der EU sollte mit dem von Charles de Gaulle vorgeschlagenen „Europa der Vaterländer“ angefangen werden; die Andeutungen über das föderative politische Gebilde kann zur Zeit besonders in Mittelosteuropa als das Streben nach der Bildung eines melting-pot der Völker verstanden werden.

Der Autor, Jahrgang 1929, ist Linguist, Kulturhistoriker, Chefredakteur der Zeitschrift „Kulturos barai“. Aus dem Litauischen von Živile Reupert.

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