Literatur : Zweiter Weltkrieg - Warum?

Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs: Warum ist im September 1939 ein allgemeiner Krieg in Europa ausgebrochen? Richard Overy skizziert in seinem Buch die letzten Tage vor dem Angriff auf Polen durch die Nationalsozialisten.

Richard Overy
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Adolf Hitler besichtigt die eingenommene zerstörte Westerplatte. Am 1. September 1939 am frühen Morgen hatte das Linienschiff...

Warum ist im September 1939 ein allgemeiner Krieg in Europa ausgebrochen? In den Tagen der Krise war viel die Rede gewesen von den Lektionen, die man aus dem Kriegsausbruch 1914 gelernt habe. Im Westen weitverbreitet war die Meinung, dass die konfuse Diplomatie, die 25 Jahre zuvor in den Krieg geführt hatte, 1939 nicht noch einmal als Grund für die Erklärung des Kriegsausbruchs herangezogen werden dürfe. In seinem Brief an den deutschen Reichskanzler, Diktator Adolf Hitler, vom 22. August 1939 erklärte der britische Premier Neville Chamberlain, er wolle keine Wiederholung von 1914; damals hätte „die große Katastrophe verhindert werden können“, wenn nur die britische Regierung ihren Standpunkt deutlicher gemacht hätte. Indem er Hitler ausdrücklich erkläre, dass Großbritannien für Polen kämpfen würde, wolle er jedes „tragische Missverständnis“ ausschließen. In einer Notiz zur britischen Außenpolitik schrieb Lord Halifax während des Kriegs, dass Hitler möglicherweise hätte abgeschreckt werden können, „wenn wir, was wir auch 1914 versäumt haben, unmissverständlich klargemacht hätten, dass genau die aggressiven Akte, die er unserer Meinung nach im Sinn hatte, zu einem allgemeinen Krieg führen würden“. Als Hitler Polen angriff, haben Großbritannien und Frankreich ihre Zusage, Polens Unabhängigkeit zu verteidigen, pflichtgemäß eingehalten, und es kam zum Krieg.

Dies, wenn auch in einfachen Worten, erklärt den Beginn des Kriegs, die Realität war weitaus komplexer. Selbst die Hoffnung, dass niemand 1914 mit 1939 werde vergleichen können, wurde bereits während des Kriegs kritisch betrachtet, als nämlich der britische Historiker Sir Llewellyn Woodward gebeten wurde, eine offizielle Darstellung der britischen Außenpolitik vor Kriegsausbruch zu verfassen. 1943 schrieb Woodward an Halifax und bat ihn, einen ersten Abzug seines Textes kritisch durchzusehen. Er sei, so Woodward, nach den Erfahrungen mit den nach dem Krieg geführten Debatten über 1914 sicher, „dass die Deutschen auch diesmal ihre pedantische Buchstabentreue auf jedes Fitzelchen Dokument über die Ursprünge dieses Kriegs anwenden werden. Darum sollten wir dieser deutschen Spielart ,höherer Kritik’ keine Lücke lassen“.

Halifax antwortete, er habe schon während der letzten Tage der Krise befürchtet, dass Hitler „gefälschte Bedingungen“ („specious terms“) präsentieren werde, die dann allerdings von den Polen hätten zurückgewiesen werden müssen. Unter solchen Umständen wäre die britische Unterstützung für die Polen dem berüchtigten Blankoscheck, den Deutschland den Österreichern 1914 ausgestellt habe, nahe gekommen, und die internationale Meinung hätte glauben können, es sei Großbritannien gewesen, das „den Krieg ausgelöst habe“. Zum Glück, schloss Halifax, habe Hitler Polen überfallen und man sei nie in dieses Dilemma geraten.

Wenn Hitler für den Krieg von 1939 verantwortlich war, dann bleibt doch die umfassendere Frage, welche Art Krieg Hitler gewollt hat. Nur wenige Historiker gehen davon aus, dass er irgendeinen Plan zur Welteroberung gehabt habe, in dem Polen das Sprungbrett für ein späteres deutsches Weltimperium war. Tatsächlich haben jüngere Forschungen gezeigt, dass noch nicht einmal Pläne dafür vorlagen, was mit dem eroberten Polen geschehen sollte; auch die Pläne für ein deutsches Imperium in Mittel- und Osteuropa mussten fast vom Nullpunkt aus improvisiert werden.

Die Hauptschwierigkeit besteht darin herauszufinden, ob Hitler 1939 einen begrenzten Krieg gegen Polen wollte, worauf er immer wieder bestand, oder ob er sich irgendwann im Verlauf des Jahres 1939 entschieden hatte, sich stattdessen gegen den Westen zu wenden und in Europa einen allgemeinen Krieg zu führen. Man kann argumentieren, dass Hitler in den Krieg mit Großbritannien und Frankreich gedrängt wurde, die Gründe dafür sind die hohen Aufrüstungskosten, die Probleme der Zahlungsbilanz, zu denen der rasche militärische Aufbau führte, und die Erkenntnis, dass Deutschlands Rüstungsvorsprung rasch dahinschmelzen würde. Dass sich Hitler entschloss, einen allgemeinen europäischen Krieg zu riskieren (und 1940 auch zu führen), rührte, wie Adam Tooze kürzlich formulierte, daher, „dass er es für sinnvoller hielt, lieber ,früher’ als ,später’ in die Schlacht zu ziehen“. Hinter diesem Entschluss, auch das führt Tooze an, habe die noch viel weiter greifende Vorstellung gestanden, sich im Kampf um die Weltmacht mit den Vereinigten Staaten zu messen, die Hitler als Instrument der jüdischen Weltverschwörung betrachtete. Wer so argumentiert, schaut aber zu ausschließlich nach Westen.

Eine zweite Schwierigkeit für die Behauptung, Hitler habe den allgemeinen Krieg gewollt, diesen zumindest bewusst riskiert, liegt in der Natur des Quellenmaterials. In den testamentarischen Gesprächen, die Hitlers Privatsekretär Martin Bormann in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs aufgezeichnet hat, sprach Hitler mehrfach von dem ihm „aufgezwungenen Krieg“; er habe stets gewusst, dass ein Zweifrontenkrieg für Deutschland nicht zu gewinnen sei. „September 1938, das war der günstigste Augenblick, wo ein Angriff für uns das geringste Risiko bedeutete. Dazu der Vorteil, eine weltweite Ausdehnung des Krieges auszuschließen. (…) Ein schon 1938 ausgelöster Krieg war ein kurzer Krieg.“

Auch wenn Hitler kaum als verlässlicher Zeuge der eigenen Verteidigung gelten kann, zeigen die Quellen aus den letzten Wochen vor Kriegsbeginn, dass er vor dem inneren Kreis seiner politischen und militärischen Elite wieder und wieder davon sprach, dass er den Konflikt begrenzen wolle. Albert Speer, Generalbauinspekteur der Reichshauptstadt, führender Architekt des „Dritten Reichs“ und Hitlers Parteigenosse, schrieb in seinen Erinnerungen: „Unbelehrbar blieb er bei der Meinung, dass der Westen schwächlich sei, zu mürbe und zu dekadent, um ernstlich den Krieg zu beginnen.“ Speer bezweifelte im Rückblick, „dass sich Hitler in diesen Septembertagen völlig klar darüber war, dass er unwiderruflich einen Weltkrieg entfesselt hatte“.

Das Risiko eines Weltkriegs war hoch, was Hitler nicht entgangen ist, doch im August 1939 hatte er sich selbst in die Überzeugung hineingeredet, dass Polen ein Feind war, der es verdiente, erobert und bestraft zu werden, und darüber versäumt, sich klarzumachen, worauf er sich einließ, wenn Großbritannien und Frankreich in den Krieg einträten. Diese Haltung teilte er mit vielen Deutschen, die einen Krieg durchaus für sinnvoll hielten, um die mit Polen offenen Fragen zu klären, deren Staat man ohnehin für ein illegitimes Kind des verhassten Versailler Vertrags hielt. Keinen Sinn allerdings sah man in einem Krieg mit dem Westen. Doch hatte selbst dieses begrenzte Ziel – der Krieg mit Polen – etwas grundsätzlich Irrationales, insofern die „freie Hand im Osten“, die Hitler wünschte, eine Chimäre war.

Der Überfall auf Polen machte Hitlerdeutschland zum direkten Nachbarn des rapide aufrüstenden Kolosses Sowjetunion, dessen kommunistische Führung nicht daran dachte, Hitler oder irgendwem sonst freie Hand zu geben. Hitler traf seine Entscheidung für einen Krieg mit Polen nicht, weil er die westlichen Staaten angreifen wollte – das hätte er einfacher haben können, indem er ihnen den Krieg direkt erklärt hätte –, sondern aus der Überzeugung heraus, dass in einem „Kampf zweier Willen“ sich sein Wille durchsetzen und der Westen zurückschrecken werde. In seinen Erinnerungen schreibt Hitlers Luftwaffenadjutant Nicolaus von Below: „Aus seinen Worten war aber trotz aller nüchterner und richtiger Beurteilung der politischen Lage herauszuhören, dass er im tiefsten Inneren doch noch auf ein Nachgeben der Engländer hoffte.“

Schwieriger ist zu erklären, warum Großbritannien und Frankreich, die den drei Achsenmächten Deutschland, Italien und Japan und ihren Zielen während der 1930er Jahre so viele Zugeständnisse gemacht hatten, sich 1939 entschlossen, für und um Polen zu kämpfen. Die einfache Antwort ist, dass Polen, um Hitler zu trotzen, den Krieg riskierte; und damit waren Großbritannien und Frankreich verpflichtet, ebenfalls gegen Deutschland zu kämpfen, denn sie hatten Polen im März 1939 Unabhängigkeit und Unverletzbarkeit seiner Grenzen garantiert. Doch beide Länder hatten erhebliche Schwierigkeiten zu überwinden, um ihre Kriegsvorbereitungen mit ihren politischen Zielen in Einklang zu bringen, nicht zuletzt die ernsten finanziellen und wirtschaftlichen Zwänge, die spürbar wurden, als die Aufrüstung 1939 beschleunigt wurde. Auch mussten sie die Aussicht, in einen Krieg ziehen zu müssen, einer Bevölkerung nahebringen, die während der internationalen Krisenjahre – in beiden Ländern – zu großen Teilen gegen Krieg eingestellt war.

Die Kosten eines großen Kriegs, der zudem die Zukunft und den Großmachtstatus beider Länder infrage stellte, haben in den letzten Jahren zu neuen Antworten auf die Frage geführt, ob es überhaupt ratsam war, in den Krieg einzutreten. Der Krieg gegen Hitler kann, wie der amerikanische Politiker Patrick Buchanan kürzlich argumentierte, durchaus als „unnötiger Krieg“ betrachtet werden. Buchanan zufolge kostete er die Briten das Empire und schuf die Voraussetzungen für den fünfzig Jahre währenden Kalten Krieg und die kommunistische Herrschaft über Osteuropa und Asien. Die Polen gegebene Garantie sei der größte Fehler gewesen, weil sie den Krieg unausweichlich gemacht habe. „So begann die letzte Woche vor dem blutigsten Krieg der Menschheitsgeschichte“, schreibt Buchanan.

Diese Ansicht wiederum berücksichtigt die Zeitumstände so gut wie gar nicht. Großbritannien und Frankreich haben sich nicht für den Krieg entschieden, um ein Armageddon, die endzeitliche Entscheidungsschlacht herbeizuführen. Tatsächlich diente alles, was die beiden Länder taten – zuerst, um den Frieden zu erhalten, dann um Deutschland abzuschrecken –, nur einem Ziel: Sie wollten gerade verhindern, dass in Europa ein allgemeiner Krieg entfesselt würde. Die Abschreckung scheiterte. Doch jede Politik der Abschreckung hat eine Kehrseite: Wer abschrecken will, muss auch bereit sein, das Mittel der Gewalt einzusetzen. Großbritannien und Frankreich entschieden sich nicht für den Krieg, indem sie eine „Kriegsgarantie“ gaben, vielmehr hofften beide, dass allein der Blick auf zwei hochgerüstete Staaten, die Zugriff hatten auf größere wirtschaftliche Ressourcen und militärische Potenziale, Hitler noch an der Schwelle des Kriegs bezwingen könnte. Am 31. August um Mitternacht, als deutsche Soldaten sich gerade noch eine Mütze Schlaf holten, bevor sie in ihre Gefechtsstellungen vorrückten, schrieb Alexander Cadogan: „Doch mir scheint, als zögere Hitler und versuche allerhand Tricks, bis hin zum Bluff in der letzten Minute.“

Die Entscheidung der Briten und Franzosen für den Krieg muss auch vor dem Hintergrund der wachsenden Befürchtung gesehen werden, dass NS-Deutschland eine große Bedrohung ihres Lebensstils und der Werte darstellte, die sie in internationalen Angelegenheiten beachtet sehen wollten. Selbst wenn, und mit Recht, häufig gesagt wird, dass beide Staaten solchen Werten in ihren eigenen Kolonialreichen nicht sonderlich viel Beachtung schenkten, betrachteten sich beide Nationen als selbst ernannte Wächter einer westlichen Welt, die von inneren Sorgen und externem Druck bedrängt war. Vor allem in Großbritannien gab es dieses Gefühl der Verantwortlichkeit dafür, eine größere Welt in Ordnung zu halten. So schrieb der Politiker Oliver Harvey im April 1939 in einem weit gespannten Überblick zur internationalen Ordnung: „Großbritannien ist die größte, reichste und möglicherweise stärkste Macht“ – es solle diese Macht nutzen, die praktische Vernunft der Welt wiederherzustellen. In einer Rede, die Halifax ebenfalls 1939 hielt, erinnerte er seine Zuhörer daran, „dass dieses Land und die große politische Gesellschaft, deren Ursprung und Mitte es ist, eine große Verantwortung tragen, und dass seine Stärke die beste Sicherheit darstellt, die die Welt haben kann“.

Die Vorstellung, dass Großbritannien eine Rolle spielen könnte, die Halifax mit dem Begriff des „moralischen Hohen Kommissars“ belegte, war ein Element der britischen Selbstwahrnehmung, die zum Gutteil auch die Rhetorik bestimmte, mit der man Hitler 1939 entgegentrat. Nachdem der Krieg ausgebrochen war und es Großbritannien und Frankreich ganz offensichtlich nicht gelungen war, Polen zu seinem Recht zu verhelfen, kam Halifax im Januar 1940 in einer Rede darauf zurück, dass der Krieg, den die Alliierten führten, sich beileibe nicht nur um Polen drehe, sondern um nicht weniger „als die Freiheit und die Unabhängigkeit unseres eigenen Landes und des Commonwealth und aller Staaten in Europa“.

Das Drehbuch der letzten Krise war nicht durchweg im Voraus geschrieben. Wie 1914 stritten, lavierten, täuschten und kalkulierten die Protagonisten. Wie 1914 taten sie dies nur halb informiert, in absichtsvoller Klugheit und blinder Überzeugung. Es ist nicht ausgeschlossen, dass in bestimmten Augenblicken der Krise auch andere Entscheidungen hätten getroffen werden können, aufgrund von Faktoren, die von der erhöhten Spannung selbst erzeugt wurden – ein Beispiel dafür wäre Hitlers Entscheidung, den Angriff am 25. August abzublasen; ein anderes die polnische Bereitschaft zu verhandeln oder die komplexe Spannung zwischen Frankreichs Außenminister Georges Bonnet und Premier Edouard Daladier. Alle derart zugespitzten internationalen Krisen, vom Krimkrieg bis zur Invasion im Irak, haben, bevor die Feindseligkeiten tatsächlich begannen, kurze Phasen instabiler Interaktionen und unvorhergesehener Umstände hervorgebracht. Die letzten zehn Tage vor Beginn dieses Kriegs sind ein charakteristisches Beispiel für hoch riskante Konfrontationen.

Das erste Element, dem alle Protagonisten unterworfen waren, war eine zunehmende geistige und körperliche Erschöpfung angesichts der Ereignisse, die sich so rasch entwickelten, dass sie alle zu überwältigen drohten, die sich mit ihnen auseinandersetzen mussten. Hitler machte, so berichtete Speer, in den letzten Tagen des August „einen überarbeiteten Eindruck“. Tag für Tag beklagte sich Goebbels in seinem Tagebuch, dass er viel zu spät zum Schlafen komme: „Spät zu Bett, früh heraus“ am 23. August; drei Tage später: „Spät und todmüde ein paar Stunden Schlaf“; „Ich bin so müde, aber man kommt nicht zum Schlaf“ am 28. August und so weiter. In London verfasste Cadogan ganz ähnliche Einträge, nachdem er Tag für Tag erst in den frühen Morgenstunden nach Hause zurückkehrte: „Krank vor Müdigkeit“, schrieb er am 30. August; „kann keinen vollständigen, zusammenhängenden Bericht geben, zu müde“ in der Nacht darauf. Neville Chamberlain schilderte seinen Zustand in einem Brief an seine Schwester am 27. August, der die Spannung, unter der alle wichtigen Spieler in diesem Drama agierten, sehr gut zum Ausdruck bringt:

„Puh! Was für eine Woche. Eine oder zwei mehr davon, und es kostet mich Jahre meines Lebens. Was immer das ist, nur ein Nervenkrieg oder die einleitenden Stufen eines wirklichen Krieges, man braucht starke Nerven, um das auszuhalten und Zurechnungsfähigkeit und Mut zu bewahren. Ich fühle mich wie ein Mann, der eine schwerfällige Karosse über enge gewundene Straße direkt an einem Abgrund vorbeilenken soll. Du wagst gar nicht, nach unten zu blicken, damit dir nicht schwindlig wird …“

Die von der Krisensituation bewirkte Verengung des Blicks führte zu einer wachsenden Irrationalität; die langfristig wirksamen Gründe der Konfrontation verblassten, blieben unberücksichtigt. Was blieb, war die enge „mentale Box“, in der hier und jetzt Entscheidungen getroffen werden mussten. In Deutschland bildeten Hitlers Entschlossenheit, die Polen für alle ihre angeblichen Übergriffe zu bestrafen, und die Überzeugung, dass der Westen schon nachgeben werde, den Rahmen der Krise. Jede kleinste Geheimdienstinformation, die zahlreichen von deutschen Geheimdiensten abgehörten Telefonate und dechiffrierten Botschaften, die nach London oder Paris gingen, wurden nur unter diesem einen Blickwinkel betrachtet, damit jene Überzeugung nicht erschüttert, sondern verstärkt wurde. Das Gleiche in London und Paris: Dort sorgte die Fixierung auf die abschreckende Wirkung demonstrierter Standhaftigkeit dafür, dass jede noch so kleine Erkenntnis und jede aufgefangene deutsche Botschaft nur unter einem Aspekt durchleuchtet wurde: ob nicht Wortlaut und Wortwahl Hinweise darauf gäben, dass Hitler zurückrudern könnte.

Die Irrationalität dieser Erwartung selbst stand in diesen letzten Tagen nur selten zur Debatte. Im britischen Außenministerium schrieb Richard Butler auf, welche Wege aus der Krise er in dieser Situation sah. Entweder: „Hitler überfällt die Polen mit seiner bereits mobilisierten Armee und der Folge eines allgemeinen Kriegs.“ Oder: „Er gibt seinen Wunsch, die Polen zu vernichten, auf, unterdrückt seinen Stolz und schickt seine Armee nach Hause.“ Nüchtern betrachtet erweist sich die zweite Option als Wunschfantasie, doch an ebendiese Hoffnung klammerten sich London und Paris in den letzten Friedenstagen.

Der enge Wahrnehmungsraum beider Seiten enthielt deren je eigenes moralisches Universum. Hitler und die führenden deutschen Politiker brachten sich selbst dazu, daran zu glauben, dass der Krieg gegen Polen moralisch gerechtfertigt sei, so verbrecherisch der Plan tatsächlich war. Jeder Akt polnischer „Grausamkeit“ musste als Rechtfertigung dienen für das eigentliche Ziel, die Polenfrage um jeden Preis zu lösen; um die Option auszuschließen, solche Vorfälle in einem rationaleren Kontext, mit Blick auf mögliche Kompromisse oder auf antizipierbare Konsequenzen übereilter Aktionen zu bewerten. Auch Briten und Franzosen suchten nach einer Rechtfertigung, die unmittelbar einsichtig war. Gefunden wurde sie in der Vorstellung der Ehre. Entweder löste man, koste es, was es wolle, die den Polen gegebenen Garantien ein, oder die Nation verhielt sich unehrenhaft. Und unabhängig davon, ob eine solche moralische Bindung noch tauglich war für die Diplomatie der 1930er Jahre oder nicht, sie wurde in den letzten Tagen der Krise regelmäßig wiederholt, und erst recht in den Tagen zwischen dem Überfall auf Polen und der Kriegserklärung. Diese Rechtfertigung war einfach genug, dass sie alle anderen Argumente ausstach, die mit dieser Rechtfertigung oder anderen Gründen, einen Krieg zu beginnen, verbunden waren. Der moralische Horizont der Demokratien hatte sich auf ein einziges Wort verengt. Als Arthur Greenwood am Ende seiner Unterhausrede am Abend des 2. September ein passendes Wort dafür suchte, was auf dem Spiel stand, und darum zögerte, ertönte der Zwischenruf „Ehre!“. Greenwood fuhr fort: „Lassen Sie mich meinen Satz vollenden. Was ich sagen wollte, war: Gefährdung der Grundlagen unserer nationalen Ehre.“ Zu den Auseinandersetzungen mit Bonnet, die der Kriegserklärung vorausgingen, schrieb der Franzose Paul Reynaud: In Augenblicken wie diesen „müsse man zwischen Ehre und Unehre wählen“. Denn der Weg der Unehre könne nur ein isoliertes, ein ausgegrenztes Frankreich zurücklassen, abgeschnitten von der angelsächsischen Welt, der Gefahr ausgesetzt, von einem triumphierenden Deutschland rasch besiegt zu werden. Wie sich 1940 zeigen sollte, führte auch der Weg der Ehre zu diesen Folgen.

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Richard Overy, geboren 1947, ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität von Exeter, Großbritannien. Er hat zahlreiche...


Die Suche nach einem überzeugenden und zeitgemäßen moralischen Anspruch machte den Krieg nicht vollständig unausweichlich, erschwerte es aber, ihn zu vermeiden. Der „Kampf der Willen“ in den letzten Friedenstagen, vor allem der Kampf zwischen Hitler und Chamberlain, diesen so völlig diametralen Charakteren, nahm eigene Dimensionen an, die sich weitgehend loslösten von der langen Geschichte der militärischen, wirtschaftlichen und politischen Ereignisse, die sie zunächst in diese Konfrontation gebracht hatten.

Die finalen Entscheidungen hatten außergewöhnlich direkte Folgen. Doch sobald diese Entscheidungen getroffen waren, öffnete sich der enge Entscheidungsspielraum erneut, und es konnten wieder mehr Möglichkeiten in Betracht gezogen werden. Hitler fand zu der Überzeugung zurück, dass Großbritannien und Frankreich sich nicht auf ernsthafte Kämpfe einlassen würden, wenn Polen erst geschlagen und zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt sein würde. Briten und Franzosen dagegen mussten sich entscheiden und genauer festlegen, welche über die Befriedigung der nationalen Ehre hinausgehenden Kriegsziele sie verfolgen wollten.

Ende September 1939 besuchte der italienische Botschafter seinen englischen Kollegen Sir Eric Phipps, der kurz vor seiner Pensionierung stand, und fragte ihn, was die westlichen Staaten nun zu unternehmen gedächten. Phipps erklärte, sie würden den Krieg durchstehen bis zum Sieg, und wenn dies drei Jahre dauere. Den Italiener überraschte diese Antwort. Phipps hielt seine Antwort später fest: „Wir würden über Jahre kämpfen und Millionen britische und französische Leben opfern, und es könnte sein, dass wir, sogar nach einem siegreichen Krieg, nicht in der Lage sein werden, das Land wiederherzustellen, zu dessen Unterstützung wir in den Krieg eingetreten sind. Der russische Bär säße dann schwer auf seinem Teil Polens und könnte von uns niemals vertrieben werden.“

Aller Rhetorik der Ehre zum Trotz, im wirklichen Krieg des Jahres 1939 ging es nicht um die Rettung Polens, sondern darum, Großbritannien und Frankreich vor den Gefahren einer aus den Fugen geratenen Welt zu schützen.

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