Litvinenko-Tod : Britische Polizei will in Moskau ermitteln

Nach dem ungeklärten Tod des Ex-Spions Alexander Litvinenko und Hinweisen auf eine Verwicklung russischer Beamter drohen nun diplomatische Spannungen zwischen London und Moskau. Die britische Polizei will den Fall "ganz genau" untersuchen.

London - Die britische Polizei hat offenbar Hinweise auf eine Verwicklung ausländischer Behörden in die Vergiftung des russischen Ex-Spions Alexander Litvinenko. Laut "Sunday Times" nannte der 43-jährige Putin-Kritiker am Sterbebett einen Mitarbeiter der russischen Botschaft in London als zuständig für seine Beobachtung. Am Vortag hatte die Zeitung mit Berufung auf einen hohen Ministerialbeamten berichtet, es gebe Anzeichen für einen Mord im staatlichen Auftrag. Im Rahmen der Ermittlungen sollen diese Woche Untersuchungsbeamte nach Moskau und Rom reisen. Britische Politiker schließen Auswirkungen auf das Verhältnis zu Moskau nicht aus.

In seinem letzten langen Interview vor seinem Tod am Donnerstag äußerte Litvinenko laut "Sunday Times" den konkreten Verdacht, dass er vom russischen Geheimdienst beobachtet werde. Zuständig für seinen Fall sei ein gewisser Viktor Kirow gewesen. Der Zeitung zufolge arbeitete bis Ende 2005 ein Mann namens Anatoli V. Kirow an der Londoner Botschaft. Die Anti-Terror-Polizei beantragte die Herausgabe des Interviewtextes für die Ermittlungen.

Unterlagen zu Politkowskaja-Mord übergeben

Die britische Polizei ging nach Angaben des Boulevardblatts "The Sun" davon aus, dass der Mörder am 1. November Litvinenkos Essen in der Sushi-Bar "Itsu" nahe dem Picadilly Circus vergiftete. Litvinenko hatte dort den italienischen Informanten Mario Scaramella getroffen, der ihm Unterlagen für die Recherche des Mordes an der Kreml-kritischen Journalistin Anna Politkowskaja übergab. Der Geheimdienst- und Nuklearexperte, der laut "Mail on Sunday" auf die Suche nach Atommüll und ausrangierten Kernwaffen aus der Sowjetzeit spezialisiert ist, bestreitet eine Verwicklung in die Tat und bot der Polizei seine Mitarbeit an.

Nach Scaramella traf der ehemalige Agent zwei Landsleute in einer Hotel-Bar, in der ebenfalls Spuren von radioaktivem Polonium 210 gefunden wurden, die auch in Litvinenkos Körper nachgewiesen wurden. Die Gesundheitsbehörden riefen alle Gäste der beiden Orte auf, sich untersuchen zu lassen. Im Laufe des Wochenendes meldeten sich gut hundert besorgte Anrufer über eine Hotline, die nun zum Urintest gebeten werden sollen. Die Wahrscheinlichkeit für eine Gesundheitsgefährdung sei allerdings gering, hieß es. Litvinenkos Frau wurde einem Zeitungsbericht zufolge negativ auf Polonium getestet.

Diplomatische Konsequenzen möglich

London ersuchte in Russland offiziell um Mithilfe bei der Aufklärung des mysteriösen Todesfalls. Das höchste britische Sicherheitsgremium, das Cobra-Komitee, kam erneut zusammen, um die Litvinenko-Affäre zu diskutieren. Außenamts-Mitarbeiter Kim Howells deutete an, dass die Ermittlungen ernsthafte diplomatische Konsequenzen haben könnte. "Wenn britische Staatsbürger in Großbritannien von Ausländern ermordet werden, schauen sie (Cobra) sehr genau hin", zitierte die "Sunday Times" Howells. Litvinenko hatte nach seiner Flucht nach Großbritannien vor sechs Jahren die britische Staatsbürgerschaft beantragt. Auch Nordirland-Minister Peter Hain sagte in der BBC, die Beziehungen zu Moskau seien momentan nicht einfach. Der russische Präsident Wladimir Putin müsse zum demokratischen Weg zurückfinden, forderte Hain.

Nach einem Bericht von "The Independent on Sunday" geht die Polizei auch der Theorie nach, dass Litvineko sich selbst radioaktiv verseucht haben könnte, um Putin zu diskreditieren. Litvinenko hatte Putin in einem Abschiedsbrief direkt beschuldigt. Der frühere Agent des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB wurde nach seinem Ausstieg zu einem erbitterten Gegner des russischen Staatschefs. (tso/AFP)

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