Liu Xiaobo : "Grund der Verhaftung": Nichts

Liu Xiaobo zählt zu den prominentesten chinesischen Dissidenten, seit er 1989 die Studentenproteste auf dem Tiananmenplatz unterstützt hatte. Seine Mitstreiter bezeichnen Liu Xiaobo als nicht unbedingt charismatischen, aber sturen Menschen. Und mutigen.

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Liu Xiaobo.
Liu Xiaobo.Foto: dpa

Peking - Als am 8. Dezember 2008 chinesische Polizisten Liu Xiaobo (gesprochen: Lju Schiaobo) in seiner Pekinger Wohnung abholten, verlor er die Beherrschung. Nicht weil der chinesische Dissident und Literaturprofessor das nicht erwartet hätte, immer wieder war er in den Jahren zuvor überwacht, unter Hausarrest gestellt und zu Verhören gebracht worden. Diesmal aber, so berichtete die Nachrichtenagentur AP, gingen die Polizisten besonders dreist vor. Auf dem Haftbefehl stand unter der Rubrik "Grund der Verhaftung": Nichts. Sie hatten den Platz einfach freigelassen.

Die chinesische Polizei hatte offenbar gewusst, dass Liu Xiaobo zwei Tage später gemeinsam mit 302 Erstunterzeichnern die Charta 08 veröffentlichen würde, in der er politische Reformen und die Demokratisierung Chinas fordert. Ein schweres Verbrechen in seiner Heimat, wie in einem Prozess am 25. Dezember 2009 festgestellt wurde. In dem Verfahren hatten Liu Xiaobo und sein Verteidiger nur 14 Minuten Zeit, um sich zu rechtfertigen. Neben der Charta 08 wurden ihm auch mehrere Online-Artikel zur Last gelegt, in denen er die chinesische Regierung kritisiert hatte. Anschließend wurde Liu Xiaobo wegen "Untergrabung der Staatsgewalt und Aufforderung zum Umsturz" zu elf Jahren Haft verurteilt. "Sein Verbrechen war, dass er sein Recht auf freie Meinungsäußerung ausgeübt hat, das in der chinesischen Verfassung garantiert wird", kommentierte Brad Adams, Asien-Direktor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Der 54 Jahre alte Liu Xiaobo zählt zu den prominentesten chinesischen Dissidenten, seit er 1989 die Studentenproteste auf dem Tiananmenplatz unterstützt hatte. Er überredete Stunden vor der blutigen Niederschlagung der Proteste einige hundert Studenten dazu abzuziehen - und dürfte damit einige Leben gerettet haben. Chinas Gerichte aber verurteilten ihn als einen der Anführer der Proteste zu 20 Monaten Gefängnis. "Danach hat sich sein Leben für immer verändert, er wurde mehrere Male in Gefängnis geworfen, und selbst wenn er zu Hause ist, ist er die meiste Zeit kein freier Mensch", berichtet seine Frau Liu Xia. Drei Jahre verbrachte Liu Xiaobo in den Neunzigerjahren in Umerziehungslagern, immer wieder wurde der Präsident des chinesischen Pen-Klubs monatelang unter Hausarrest gestellt.

Seine Mitstreiter bezeichnen Liu Xiaobo als nicht unbedingt charismatischen, aber sturen Menschen. Und mutigen. "Er sagt das, was ihm in den Kopf kommt", sagt der mit ihm befreundete Rechtsanwalt Pu Zhiqiang. Seine Frau sieht ihn vor allem als einfühlsamen Dichter und Literaten. Zuletzt hat sie ihn am 7. September in einem Gefängnis nördlich von Peking besuchen dürfen. Seine Stimmung sei gut gewesen, berichtete sie der Nachrichtenagentur "Reuters" zu Beginn dieser Woche, um seine Gesundheit aber könnte es besser bestellt sein. "Liu Xiaobos Freunde erzählen mir oft, dass sie den Preis mehr wollen als er, weil sie denken, dass es eine gute Chance ist, um China zu verändern", sagte Liu Xia.

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