• Liveticker zur Krise in Griechenland: Rot-grüner Schulterschluss vor griechischem Referendum

Liveticker zur Krise in Griechenland : Rot-grüner Schulterschluss vor griechischem Referendum

Griechenland steht am Sonntag vor einer historischen Entscheidung. Finanzminister Yanis Varoufakis beschuldigt Schäuble, schon seit 2012 auf einen Euro-Austritt Griechenlands hinzuarbeiten. SPD- und Grüne-Bundestagsabgeordnete zeigen sich solidarisch. Lesen Sie in unserem Liveticker die Ereignisse von Samstag nach.

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In vielen Städten Europas demonstrierten wie hier in London auch am Samstag viele Menschen für ein "Nein" beim Referendum in Griechenland.
In vielen Städten Europas demonstrierten wie hier in London auch am Samstag viele Menschen für ein "Nein" beim Referendum in...Foto: AFP

In Griechenland stimmt das Volk am Sonntag über Reformpläne der internationalen Geldgeber ab. Das Referendum dürfte über den künftigen Kurs der griechischen Regierung gegenüber den Gläubigern entscheiden. Konkret wird über ein mit Spar- und Reformauflagen verbundenes Hilfsangebot abgestimmt, dessen Annahmefrist inzwischen allerdings verstrichen ist. Regierungschef Alexis Tsipras hat seine Anhänger auf ein Nein eingeschworen.

Wir haben die Ereignisse im Liveticker verfolgt:

21:19 Uhr: Vor dem Referendum in Griechenland hat sich der Chef der aufstrebenden spanischen Protest-Partei Podemos, Pablo Iglesias, mit der Regierung in Athen solidarisch erklärt. Diese antworte mit Demokratie auf die „Tyrannei“ der Gläubiger, sagte Iglesias am Samstag bei einer Veranstaltung im nordwestspanischen Vigo.

Ministerpräsident Alexis Tsipras habe „viel Mut gezeigt“. Zugleich kritisierte er die Geldgeber aus EU-Kommission, IWF und Europäischer Zentralbank (EZB) scharf. Diese versuchten den Menschen in Griechenland und auch in Spanien mit Drohungen Angst einzujagen.

20:11 Uhr: Die Griechenland-Krise sorgt für einen ungewöhnlichen Schulterschluss zwischen rot-grünen Bundestagsabgeordneten: 51 Politiker beider Parteien schalteten in der griechischen Zeitung "Kathimerini" am Samstag eine Anzeige, in dem sie ihre Solidarität mit dem schuldengeplagten Land betonten.

Eine klare Aufforderung, beim anstehenden Referendum zu den Spar- und Reformauflagen der internationalen Geldgeber mit "Ja" oder "Nein" zu stimmen, enthält die Anzeige jedoch nicht. Ungewöhnlich ist aber, dass Mitglieder der SPD-Regierungsfraktion gemeinsam mit einer Oppositionspartei den Aufruf initiiert haben.

Zu den Unterzeichnern gehören neben der Grünen-Spitze unter anderen der stellvertretende SPD-Fraktionschef Axel Schäfer und der europapolitische Sprecher der SPD, Norbert Spinrath. "Wir sind überzeugt, dass wir Fehler und Ungerechtigkeiten in der bisherigen Krisenpolitik besser mit Griechenland im Euro korrigieren können", heißt es in dem Aufruf. Aus SPD-Kreisen verlautete, die Aktion erkläre sich mit einer Verärgerung über Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der Griechenland offenbar aus der Euro-Zone drängen wolle.

19:23 Uhr: Der Chef der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA) will von Plänen zur Teilenteignung von griechischen Bank-Kunden nichts wissen. "Ich bezweifele stark, dass irgendeine Behörde oder öffentliche Einrichtung der EU oder eines Mitgliedslandes diese Option in Erwägung zieht", sagte Andrea Enria am Samstag. Die EU werde vielmehr die privaten Bank-Kunden in Griechenland und jedem anderen Mitgliedsstaat schützen.
Die "Financial Times" hatte zuvor berichtet, Hellas-Geldhäuer bereiteten Notfallpläne vor, um mit einem Zugriff auf Kundenkonten eine Pleite abzuwenden. Es seien Abschläge von mindestens 30 Prozent auf Einlagen von mehr als 8000 Euro geplant.

Gäste in einem Athener Restaurant.
Gäste in einem Athener Restaurant.Foto: AFP


17:52 Uhr: Die Krise verdirbt vielen Griechen die Laune. Eigentlich ist heute Helens Glückstag. Sie sitzt mit ihren Freunden im "Piroliki", einem Hofrestaurant im Athener Stadtteil Metaxourgio. In einer Ecke spielen fünf Musiker Rembetikon, den griechischen Blues. Um Mitternacht hat die Kellnerin einen Kuchen mit 23 Kerzen zwischen die Raki-Gläser gestellt. Das ganze Lokal hat der jungen Frau ein Geburtstagsständchen gesungen. Aber es hat nicht geholfen.

"Ich bin niedergeschlagen", sagt sie. "Es ist kein Lichtblick zu sehen." Helen fürchtet sich vor dem, was nach dem Referendum über das Angebot der Gläubiger an Griechenland passieren wird. Muss Griechenland aus der EU ausscheiden? "Vielleicht könnte es Krieg geben", sagt sie leise. Ihr Freund Chris tröstet sie. Ganz so schlimm werde es nicht kommen. Es gehe doch nur um ein Ja oder Nein zu den Forderungen der Gläubiger. Doch Helen lässt sich nicht aufheitern.

Alexander ist einer der Bouzouki-Spieler in dem Hofrestaurant. Er hat sich sein Lauteninstrument auf den Schoß gelegt, um eine Zigarette zu rauchen und einen Raki zu trinken. Das Geschäft läuft nicht gut, sagt er. Mehrere Tavernen, in denen er sonst auftritt, hätten für den Sommer geschlossen. Sein Publikum sei inzwischen völlig verängstigt, lasse sich von den Medien in Panik versetzten. Als Alexander wieder anfängt zu singen, wiegen sich immerhin einige Gäste zu seiner Musik.

Auch das Nachtleben leidet. Athen hat eigentlich ein heißes Nachtleben, das erst nach Mitternacht richtig in Gang kommt. Neben den traditionellen Bouzouki-Restaurants, in denen oft ausgelassen getanzt wird, gibt es teure Strandclubs für die High Society. Dimitris ist DJ für elektronische Musik und hat schon in Sydney und London aufgelegt. "In Athen ist mehr Leidenschaft, hier sind die Vibrations besser", sagt er.
Dimitris hätte in dieser Nacht aufgelegt, wenn Regierungschef Alexis Tsipras nicht vor einer Woche das Referendum angekündigt hätte. Vier für Juli geplante Auftritte sind nun abgeblasen, und so steht Dimitris nicht am Mischpult, sondern sitzt an einer Bar und trinkt Eiscappuccino. Die Sponsoren sind abgesprungen, und er will den jungen Leuten auch nicht ihre letzten Euro für Eintrittskarten aus der Tasche ziehen.
Vor fünf Jahren ist Dimitris mit seiner Firma gestartet, heute ist er 27 Jahre alt. Sollte auf das Referendum der Crash folgen, will Dimitris seine Ausrüstung packen und nach London ziehen. Schon jetzt bleiben ihm nicht mehr als 400 Euro pro Monat. "Wenn die Drachme zurückkommt, werden internationale Gigs viermal so teuer für uns", sagt er. "Dann sind wir raus."
Inzwischen ist es halb drei Uhr nachts, und aus einem Club schallt Musik in die Gasse. Am Rand der Tanzfläche steht Lefteris mit seinen Freunden, einen Gin Tonic in der Hand, und schaut den Tanzenden zu. "Die Krise und Frauen", sagt er, und lacht schallend. Dann stürzt er sich auf die Tanzfläche. "Tanz mir den Tsipras", ruft er, und lacht noch lauter.
Ein paar Minuten später ist der junge Anwalt etwas ruhiger. "Tsipras ist bestimmt kein böser Mensch", sagt Lefteris. Aber dessen Volksabstimmung sei "das irrsinnigste Referendum, dass es jemals auf der Welt gab." Niemand habe auch nur den geringsten Schimmer von dem Programm, über das die Menschen da abstimmen sollen. Er selbst natürlich auch nicht.
Als Lefteris um halb fünf heimgeht, wird im Club zur Reggae-Disco-Nummer "No No No" getanzt. Am Sonntag wird Lefteris mit dem Auto 300 Kilometer weit nach Vargianna fahren, um in seinem Heimatdorf mit Ja abzustimmen.

Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis
Der griechische Finanzminister Yanis VaroufakisFoto: AFP


16:42 Uhr: Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis hat seinem deutschen Kollegen Wolfgang Schäuble vorgeworfen, schon seit Jahren an einem Euro-Austritt Griechenlands zu arbeiten. "Schon 2012 hat Herr Schäuble deutlich gemacht, dass er einen Grexit bevorzugen würde", sagte Varoufakis der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" laut Vorabmeldung. Die Schuld, dass die Banken in Griechenland geschlossen sind, schob er den Geldgebern zu. "Europa hat beschlossen, uns zu erpressen, damit wir einen Vertrag unterschreiben, der für niemanden gut ist", sagte er.

Varoufakis gab sich dem Bericht zufolge zudem zuversichtlich, dass die Griechen bei dem Referendum über die Gläubigerpläne am Sonntag mit Nein stimmen. "Ich weiß, dass die deutsche Regierung es gerne anders hätte, aber die Griechen wahrscheinlich nicht", sagte er der "FAS". "Sie vertrauen uns", sagte er mit Blick auf die Wähler.
Varoufakis ging zudem von einer erfolgreichen Fortsetzung der Verhandlungen der griechischen Seite mit den Gläubigern aus. "Ich erwarte, dass wir am Montag eine Einigung haben werden", sagte der Minister. Das gelte "unabhängig davon", wie das Referendum ausgehe.

15:40 Uhr: Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi hat Warnungen vor einem Übergreifen der Krise von Griechenland auf Italien zurückgewiesen. "Hören wir auf, Italien als den Kranken Europas zu beschreiben. Wir sind es nicht mehr", sagte Renzi dem Fernsehsender TG5 am Samstag.

Italien habe keine Angst vor den Auswirkungen des Referendums in Griechenland am Sonntag. "Wenn Italien und Griechenland Gefährten im Unglück waren, ist dies heute nicht mehr der Fall. Wir sind die, die das Problem lösen, wir sind nicht mehr das Problem." Vor drei oder vier Jahren sei die Lage in Italien mit der in Griechenland vergleichbar gewesen, sagte Renzi. Seitdem hätten Reformen es ermöglicht, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.

Der Politiker der linken Partito Democratico ist seit Februar 2014 Ministerpräsident. Angesichts der Verschärfung der Schuldenkrise in Griechenland betont Renzi seit Wochen, dass sein Land so weit stabilisiert sei, dass ein Übergreifen der Krise auch im Fall eines Bankrotts Griechenlands nicht zu befürchten sei.

15:12 Uhr: Vor dem Referendum über die Sparpolitik in Griechenland am Sonntag haben deutsche Politiker mit Ausnahme der Linkspartei für ein Ja zu den Vorschlägen der europäischen Geldgeber geworben.

Zugleich gab es am Samstag Aufrufe zu neuen Verhandlungen. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte der "Bild"-Zeitung, für ihn sei eine griechische Staatspleite schon länger absehbar gewesen. Angesichts der wirtschaftlichen Daten und der Politik der Regierung Tsipras sei er "von Beginn an sehr skeptisch hinsichtlich eines Erfolgs der Gespräche mit der Athener Regierung" gewesen. "Dass diese Skepsis schließlich bestätigt wurde, wundert mich nicht wirklich." Schäuble schloss erneut ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone nicht aus. Eine Gemeinschaft könne nur funktionieren, wenn sich die Mitglieder an die Regeln hielten. Auch im Fall eines "Grexit" werde Deutschland aber "die Menschen in Griechenland nicht im Stich lassen".

EU-Ratspräsident Martin Schulz
EU-Ratspräsident Martin SchulzFoto: dpa/EPA/Julien Warnand

Sie hoffe auf ein "klares Votum für den Euro", sagte SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vom Samstag. "Für Griechenland wäre es das Beste und für Europa auch." Zugleich äußerte sie ihr Unverständnis, warum die linksgeführte griechische Regierung nicht stärker "die griechischen Millionäre und Milliardäre zur Kasse bittet".

"Griechenland gehört zu Europa, ein 'Ja' ist ein 'Ja' zu Europa und zum Euro", sagte der frühere Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) der "Berliner Zeitung". Ein "Nein" wäre dagegen für alle "ein Desaster". Auch Fischers Vorgänger Hans-Dietrich Genscher (FDP) sagte, ein "klares pro-europäisches Votum" der Griechen könnte allen Seiten helfen.

14:30 Uhr: Der Präsident des EU-Parlaments, Martin Schulz, hat „Notstandskredite“ zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Versorgung in Griechenland ins Spiel gebracht. „Dafür wären kurzfristig Gelder in Brüssel abrufbar“, sagte der SPD-Politiker der „Welt am Sonntag“. Man werde „die Menschen in Griechenland nicht im Stich lassen“.

Finanzminister Wolfgang Schäuble
Finanzminister Wolfgang SchäubleFoto: REUTERS



Besonders schwierig werde die Lage, wenn Athen nach einem Nein der Griechen beim Referendum am Sonntag zu den Forderungen der Geldgeber das Geld ausgehe. „Ohne neues Geld können die Gehälter nicht ausgezahlt werden, das Gesundheitssystem funktioniert nicht mehr, die Stromversorgung und der öffentliche Transport versagen“, sagte er. Ein für die Geldgeber arbeitender Experte sagte der Zeitung zufolge: „Die Regierung hat vielleicht noch Geld für eine Woche, aber bestimmt nicht viel länger.“

14:00 Uhr: Vor dem Referendum in Griechenland versucht die italienische Regierung, die eigene Bevölkerung zu beruhigen. „Die Italiener müssen keine Angst haben“, sagte Ministerpräsident Matteo Renzi am Samstag dem Sender Tg5. Auch wenn Griechenland und Italien vor drei, vier Jahren noch beide Problemländer gewesen seien: „Jetzt ist das nicht mehr so.“ Er fügte hinzu: „Wir sind diejenigen, die versuchen, das Problem zu lösen, wir sind nicht das Problem.“

In Italien haben sich wegen der Griechenlandkrise Sorgen über eine Ansteckungsgefahr breit gemacht. Italien ist selbst hochverschuldet und erst seit wenigen Wochen aus der schlimmsten Rezession der Nachkriegszeit draußen. Zwar hat Renzi wichtige Reformen angestoßen, der Aufschwung lässt aber weiter auf sich warten und in seiner sozialdemokratischen Partei Partito Democratico (PD) ist Renzi umstritten.

12:45 Uhr: Bei einem Auftritt von CDU-Chefin und Kanzlerin Angela Merkel beim Tag der offenen Tür in der Berliner Parteizentrale haben mehrere Aktivisten gegen die Sparauflagen für Griechenland protestiert. Die Demonstranten trugen kleine Plakate mit der Aufschrift „Oxi“ - auf griechisch: „Nein“. Sie protestierten lautstark gegen die Sparpolitik.

Nach wenigen Minuten wurde die kleine Gruppe von Ordnern aus dem Konrad-Adenauer-Haus geleitet. Merkel reagiert gelassen und sagte, sie stelle dem Protest ein „Nai“ entgegen - „das heißt Ja auf griechisch“, sagte die Kanzlerin.

Protest für ein Nein zu den Sparplänen für Griechenland während einer Rede von Angela Merkel im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin
Protest für ein Nein zu den Sparplänen für Griechenland während einer Rede von Angela Merkel im Konrad-Adenauer-Haus in BerlinFoto: AFP/CLemens Bilan


12:15 Uhr: Die serbische Boulevardzeitung „Informer“ hat von den Griechen beim Referendum ein klares Nein gefordert, um gegen die „deutsche Ausbeutung“ aufzustehen. „Das ist der Schluss des Projektes eines deutschen Europas, in dem wir wohl oder übel die deutsche Ausbeutung als Gipfel der Demokratie akzeptieren sollen“, begründete das Blatt am Samstag in Belgrad seine Position.

„Das ist das verschobene Ende des blutigen 20. Jahrhunderts, in dem Deutschland ganz Europa beraubt hat und niemals gerechte Reparationen gezahlt hat“, schrieb die Zeitung weiter: „Das ist das Ende des Ideologieprojekts 'Blut und Boden', das so abgeändert wurde, dass wir - die Angehörigen der niederen Rassen - nicht sterben müssen, aber alles, was wir verdienen, den Herrschern des 'deutschen Europas' abgeben müssen.“

Der Kommentar der Zeitung, die als glühende Verfechterin der Regierungspolitik gilt, endet: „Darum ist es für uns Serben so ungemein wichtig, wie diesen Sonntag die Griechen abstimmen. Ihr Nein ist die letzte echte Hoffnung, dass Europa vielleicht möglich ist als Gemeinschaft der gleichen Chancen, also einer Gemeinschaft, in der Gesetze und Moral herrschen und nicht die Ausbeuter.“

11:00 Uhr: Banker in ganz Europa stellen sich nach dem Referendum in Griechenland am Sonntag auf eine lange Nacht ein. Bei der Deutschen Bank etwa ist gegen 22.00 Uhr eine Telefonkonferenz geplant, um über die Folgen der Volksabstimmung über die Sparvorschläge der internationalen Geldgeber zu beraten. Die Wahllokale in Griechenland schließen um 18.00 Uhr - sowohl ein Ja wie ein Nein könnte weitreichende Auswirkungen auf den europäischen Finanzmärkten haben, auch wenn die Folgen laut Experten schwer vorherzusehen sind.

Bei der britischen Bank Barclays wollen die Finanzmarktexperten die Entwicklungen in Griechenland ab 18.00 Uhr MESZ verfolgen, wie ein Sprecher sagte. Zudem seien über das ganze Wochenende Telefonkonferenzen und Gespräche mit den Kunden geplant. Wie aus informierten Kreisen verlautete, planen auch die Experten der französischen Exane BNP Paribas um 20.15 Uhr eine Telefonkonferenz. Bei dem Finanzdienstleister Hargeaves Lansdown in London sollen die Analysten am Abend zuhause arbeiten, bevor sie Montagmorgen früh ins Büro kommen.

Die Krise in Griechenland
Bei Protesten kam es in Athen zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei.Weitere Bilder anzeigen
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03.07.2015 12:03Bei Protesten kam es in Athen zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei.

10:30 Uhr: Finanzminister Yanis Varoufakis sagt in einen Interview mit der spanischen Zeitung "El Mundo": "Was sie mit Griechenland machen hat einen Namen: Terrorismus." Varoufakis sagte weiter: "Was Brüssel und die Troika heute wollen, ist, dass das 'Ja' gewinnt, damit sie die Griechen weiter erniedrigen können."

"Warum haben sie uns gezwungen, die Banken zu schließen? Um Angst unter den Leuten zu schüren", sagte der Minister. "Und wenn es darum geht, Angst zu verbreiten, dann nennt man dieses Phänomen Terrorismus."

Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis
Der griechische Finanzminister Yanis VaroufakisFoto: AFP/John Thys

10:00 Uhr: Die Regierung und die Banken in Griechenland sind noch einmal Befürchtungen entgegengetreten, dass aufgrund der dramatischen Finanzkrise des Landes Bankguthaben gekürzt werden könnten. „Solche Pläne gibt es absolut nicht“, sagte die Präsidentin des griechischen Bankenverbandes, Louka Katseli, dem TV-Sender Skai am Samstag. „Das Szenario einer Kürzung von Bankguthaben gehört in den Bereich der Fantasie“, sagte Katseli. Spekulationen über mögliche Einschnitte kursieren schon seit Tagen in der griechischen Presse. Die Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras betonte jedoch wiederholt, die Bankguthaben seien sicher.

Die Wirtschaftszeitung „Financial Times“ hatte unter Berufung auf Bankkreise berichtet, die griechischen Geldinstitute erstellten Pläne für Kürzungen von wenigstens 30 Prozent bei Guthaben von über 8000 Euro.

09:15 Uhr: Vertreter der Euro-Zone beim Internationalen Währungsfonds (IWF) haben offenbar versucht, die Veröffentlichung eines Berichts über die Schuldensituation Griechenlands drei Tage vor dem dort geplanten Referendum zu verhindern. Die Europäer hätten Einwände gegen den Zeitpunkt der Publikation vorgebracht, hieß es in mit dem Vorgang vertrauten Kreisen. Sie hätten sich allerdings nicht gegen die anderen Länder, insbesondere gegen die USA, durchsetzen können. Die EU müsse einsehen, dass nicht alle Entscheidungen nach ihren Bedürfnissen getroffen werden könnten, sagte ein IWF-Insider. Die linke Regierung in Athen sieht sich durch den Bericht in ihrer Ablehnung der Spar- und Reformforderungen der internationalen Gläubiger bestätigt.

In dem am Donnerstag veröffentlichten Bericht hatte der IWF ein düsteres Bild der Schuldensituation Griechenlands gezeichnet. Bei einer weiteren Verschlechterung der Wirtschaftlage benötige das Land eine Verlängerung der Kredite und einen Schuldenschnitt. Wegen der Abweichungen vom Reformkurs werde das Land bis 2018 etwa 50 Milliarden Euro zusätzlichen Finanzbedarf haben. Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis sagte, der IWF bestätige die Haltung der Regierung, die das Thema Schuldenerleichterung in den Mittelpunkt der Verhandlungen stellen wolle.

Anhänger von Ministerpräsident Alexis Tsipras bei einer Kundgebung zur Volksabstimmung in Athen
Anhänger von Ministerpräsident Alexis Tsipras bei einer Kundgebung zur Volksabstimmung in AthenFoto: dpa/EPA/Armando Babani

09:00 Uhr: Die Euro-Zone muss sich nach den Worten von EU-Ratspräsident Donald Tusk möglicherweise daran gewöhnen, künftig ein zahlungsunfähiges Mitglied in ihren Reihen zu haben. Die EU suche nach Wegen, Griechenland im Euro zu halten, sagte Tusk dem Nachrichtenportal Politico. Bei dem Referendum gehe es ganz eindeutig nicht um die Euro-Zone. Sollten die Griechen am Sonntag mit Ja stimmen, bestehe die Chance, ein neues Kapitel bei den Verhandlungen aufzuschlagen. Sollten sie sich für Nein entscheiden, werde der Verhandlungsspielraum natürlich kleiner, sagte Tusk.

08:50 Uhr: Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis hat einen Zeitungsbericht über eine mögliche Zwangsabgabe für Kontoinhaber zur Stützung der griechischen Banken zurückgewiesen. Bei dem Bericht handle es sich um ein "böswilliges Gerücht", das der Chef der griechischen Bankenverbands bereits am Freitagmorgen dementiert habe, teilte Varoufakis per Twitter mit.

Die britische Zeitung "Financial Times" berichtet in ihrer Samstagausgabe unter Berufung auf mit den Verhandlungen vertraute Banker und Geschäftsleute, Anlegern mit einem Guthaben von mehr als 8000 Euro könnte ähnlich wie im Falle Zyperns im Jahr 2013 eine Zwangsabgabe drohen: Im Gespräch seien mindestens 30 Prozent ihrer Einlagen.

08:30 Uhr: Die griechische Presse wertet die Volksabstimmung über den künftigen Spar- und Reformkurs als einen der entscheidendsten Momente in der jüngsten Geschichte des Landes.

„Ja zum Euro und Europa. Die Bürger halten die Zukunft des Landes in ihrer Hand“, titelt die Traditionszeitung der politischen Mitte, „To Vima“, am Samstag. Die Zeitung ruft ihre Leser auf, am Sonntag mit einem „Ja“ bei dem Referendum die Verelendung der Gesellschaft zu stoppen. Die Alternativen lauten aus ihrer Sicht: „Nationale Isolation oder (weiter) europäischer Kurs“.

„NEIN“, titelt das Sprachrohr des regierenden Syriza-Linksbündnisses, „I Avgi“. Das Ergebnis werde ganz knapp sein. Regierungschef Alexis Tsipras werde nach einem Nein gestärkt „binnen zwei Tagen“ ein Abkommen mit den Gläubigern abschließen, ist das Blatt überzeugt. Die Boulevardzeitung „Ethnos“ titelt: „Die Griechen wählen Europa“. Es sei die wichtigste Entscheidung seit mehr als 40 Jahren für das Land.

Die Boulevardzeitung „RealNews“ erscheint mit der dramatischen Schlagzeile: „Rettet das Vaterland!“. Griechenland erlebe eine tiefe Spaltung seiner Bevölkerung. Es herrsche Angst vor einer Isolation und geopolitischen Gefahren. Dringend notwendig sei eine Einigung mit den Partnern im Euroland. Die Sonntagszeitung „To Proto Thema“ titelt: „JA! Wir bleiben am Leben und kämpfen weiter“. Und weiter: „Ja für Griechenland und den Euro“. 

Die konservative Zeitung „Eleftheros Typos“ beschwört ihre Leser: „JA, für den Verbleib im Euro. Wir lehnen die Drachme und das Chaos ab.“

Anhänger von Ministerpräsident Alexis Tsipras bei einer Kundgebung für ein Nein bei der Volksabstimmung in Athen
Anhänger von Ministerpräsident Alexis Tsipras bei einer Kundgebung für ein Nein bei der Volksabstimmung in AthenFoto: dpa/EPA/Armando Babani

08:10 Uhr: Bei der Volksabstimmung zeichnet sich einer neuen Umfrage zufolge eine äußerst knappe Entscheidung ab. 41,7 Prozent der Befragten zeigen sich demnach mit den Forderungen der Gläubiger einverstanden, 41,1 Prozent kündigten ein Nein beim Referendum an. Das ergab eine Umfrage, die am Freitagabend im griechischen Nachrichtenportal „To Proto Thema“ veröffentlicht wurde. Auch in früheren Umfragen lagen Befürworter und Gegner der Sparvorhaben nah beieinander.

08:00 Uhr: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) schließt ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone nicht mehr aus. "Ob mit Euro oder vorübergehend ohne: Diese Frage können nur die Griechen selbst beantworten", sagte er der "Bild"-Zeitung mit Blick auf das Referendum. Klar sei aber auch im Falle eines Ausstiegs aus dem Euro: "Wir werden die Menschen in Griechenland nicht im Stich lassen", fügte Schäuble hinzu.

Schäuble sieht keine Bedrohung durch den griechischen Bankensektor für andere Geldhäuser in Europa. "Selbst wenn es zum Zusammenbruch einzelner Banken kommen würde, ist die 'Ansteckungsgefahr' vergleichsweise gering", sagte er. "Die Märkte haben schon in den vergangenen Tagen sehr zurückhaltend reagiert. Das zeigt, dass das Problem beherrschbar ist." Die Banken in Griechenland seinen vorerst geschlossen, sagte Schäuble, die europäische Bankenaufsicht beobachte die Lage. (mit AFP, dpa, Reuters)

Die Ereignisse vom Freitag können Sie hier nachlesen.


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