Politik : Lizenz zum Panschen

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Von Dagmar Dehmer

Hormonskandale haben in Europa Tradition. Und gerade deshalb ist ihr Einsatz in der Viehzucht seit Jahren verboten. Was nicht verhindert hat, dass Hormone in Schweinefutter und nun sogar in Getränken aufgetaucht sind. Am Donnerstag wurde bekannt, dass 60 000 Liter Glucosesirup über einen Zwischenhändler in Nordrhein-Westfalen an einen Fruchtsafthersteller in Rheinland-Pfalz geliefert worden sind. Zuvor waren bereits Lieferungen nach Brandenburg bekannt geworden. Der Sirup stammte von der inzwischen bankrott gegangenen belgischen Firma Bioland Liquid Sugars, die den mit dem künstlichen Hormon Medroxy-Progesteron-Azetat (MPA) verseuchten Sirup zuvor bereits an niederländische Futtermittelhersteller geliefert hatte.

In der vergangenen Woche waren im niedersächsischen Vechta 21 Schweine geschlachtet worden, die von dem hormonverseuchten Futter gefressen hatten. Nach Informationen des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums liegen die Ergebnisse von 18 der 21 untersuchten Proben vor – sie sind alle negativ. Der Landwirt kann vermutlich aufatmen, denn würde das Hormon nachgewiesen, dürfte er das Fleisch nicht mehr verkaufen und alle 3600 Tiere müssten geschlachtet und vernichtet werden.

Das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BbVV) hält die möglichen Hormonbelastungen in Schweinefleisch und Fruchtsäften oder Limonaden für nicht besonders gefährlich, weil die Mengen sehr gering seien. Die Verbraucherministerin von Nordrhein-Westfalen, Bärbel Höhn (Grüne), warnt aber angesichts weiterer Einträge von Hormonen in die Umwelt und vor allem ins Wasser davor, dass auf lange Sicht die Zeugungsfähigkeit der Menschen leiden könnte.

Verbraucherschutzministerin Renate Künast sieht zwar durch den Hormonskandal bisher keine „akute Gefährdung“ für die Gesundheit. Allerdings forderte die Grünen-Politikerin erneut, die Futtermittelindustrie in Europa besser zu kontrollieren. Sie bezeichnete das Verhalten der Branche als ein „Verbrechen, das systematisch der Gesundheit der Menschen auf Dauer schadet“. Unterstützung bekommt sie dabei von Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf (Grüne), dem Vorsitzenden des Agrarausschusses im Europaparlament, und von der SPD-Europaabgeordneten Dagmar Roth-Behrendt. Graefe geht aber noch weiter. Er verlangt, dass Firmen, die Futtermittel herstellen, künftig Lizenzen dafür erwerben müssen, die sie sofort verlieren, „wenn sie meinen, sie könnten mit der Gesundheit von Menschen spielen“.

Dazu müsse die EU eine Positivliste von Stoffen festlegen, die zu Viehfutter verarbeitet werden dürfen. „Bisher darf alles untergemischt werden, was nicht explizit verboten ist“, bemängelt er. Dagmar Roth-Behrendt verlangt, dass Futtermittelhersteller künftig eigene Labors unterhalten, in denen festangestellte Wissenschaftler regelmäßig Proben auf Giftstoffe untersuchen. „Anders geht das nicht mehr“, sagte die Verbraucherpolitikerin dem Tagesspiegel.

Graefe könnte sich auch eine Positivliste für Firmen vorstellen, die sich in einem solchen Skandal besonders korrekt verhalten. „Wir müssen die Anonymität der Firmen aufheben“, sagt er. Zudem wirbt Graefe dafür, Futtermittel endlich als das anzusehen, was sie einmal sein werden: nämlich Lebensmittel. Futtermittel müssten genauso kontrolliert werden wie Lebensmittel, sagte er.

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