Politik : Lob der Deserteure

Von Harald Martenstein

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Früher war die Kontrolle weniger streng. Was wusste die Öffentlichkeit über die Depressionen von Willy Brandt, über seine Affären, über seine Trinkgewohnheiten? Das alles ist dem normalen Zeitungsleser erst viel später bekannt geworden. Andererseits gab es früher strengere Normen. Es galt zum Beispiel die Norm, dass man eine Karriere erst dann beendet, wenn einen die Rivalen wegbeißen oder eine Krankheit es erzwingt.

Der erste große Deserteur, an den meine Generation sich erinnern kann, ist Willy Brandt gewesen. Für den Rücktritt von Willy Brandt gab es mehrere Gründe, einer davon, und nicht der unwichtigste, war die Tatsache, dass er keine Lust mehr hatte.

Das Führungspersonal lebt in einem Glaskasten. Es hat die Wahl, entweder die Erwartungen der Öffentlichkeit zu enttäuschen oder das Leben einer Marionette zu führen. Eine Marionette, die immer das tut, was man angeblich tun muss, wird in ihrem Beruf niemals eine mutige oder auch nur unkonventionelle Entscheidung treffen. Ein Roboter ist nicht kreativ. Deswegen finde ich es gut, dass Jürgen Klinsmann sich wieder einmal dem Druck widersetzt und einfach aufhört, weil er müde ist, wegen seiner Familie, weil er einen anderen Job in der Hinterhand hat, oder warum auch immer. Es gibt immer nur zwei Möglichkeiten, entweder man geht zu früh oder zu spät, den richtigen Zeitpunkt erwischt man fast nie. Methode Willy Brandt oder Methode Helmut Kohl.

Es gibt noch andere Rollenvorbilder. Angela Merkel, die sich weigert, ihren Mann zu ihren Terminen mitzuschleppen. Joschka Fischer, der in den Sack haut und sein Leben genießt. Ottmar Hitzfeld, der mal eine Weile lang seine Ruhe haben möchte. Klaus Wowereit, der bis fünf Uhr früh auf Partys rumhängt. Auf der anderen Seite: Leute, die sich weigern, in Talkshows zu gehen, wie der Dichter Hans Magnus Enzensberger oder der Schauspieler Manfred Krug. Das alles finde ich als Verhalten gut und richtig, unabhängig davon, was ich ansonsten von der jeweiligen Person halte. Man darf sich nicht zum Sklaven der Öffentlichkeit und ihrer Erwartungen machen. Wir sind angeblich frei, also bitte, machen wir Gebrauch davon, sofern wir es uns leisten können. Ein freier Mensch ist ein schönerer Anblick als ein Sklave. Wenn du einen Job hast, kommt es einzig und allein darauf an, den Job gut zu erledigen. Klinsmann hat es getan. Bei Merkel weiß man es noch nicht.

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