Politik : Lob der Kontrolle

Von Harald Martenstein

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Eigentlich kann ich heute nicht schreiben, weil ich, zum wiederholten Mal, mit dem Rauchen aufgehört habe. Tag fünf. Ohne Zigarette schreibe ich konfus oder konservativ und werde fett wie ein Hamster. Was an Zigaretten vor allem stört, ist das Sterben danach. Ich möchte keinen Krebs, keine Amputation, keinen Herzinfarkt, es soll entsetzlich weh tun. Was ich brauche, ist Disziplin.

Dieser Grundschüler, ein Libanese, hat seine Lehrerin geschlagen. Alle regen sich auf, schärfere Gesetze werden gefordert, wie immer, denn das kostet erst mal kein Geld und kommt bei der Bevölkerung gut an. Vor ein paar Tagen haben sich alle über ausländerfeindliche Angriffe aufgeregt, deutsche Glatzen, da gab es hässliche Vorfälle. Immer kommt eine neue Aufregung des Weges, und verdrängt die alte Aufregung. Keiner scheint ein Gedächtnis zu besitzen, das weiter reicht als 48 Stunden. Kaum einer stellt Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Aufregungen her, kaum einer denkt über Gesellschaft nach, es ist zum Speien, vielleicht ist es auch nur der Nikotinentzug. Es liegt doch auf der Hand, dass es sich bei den Glatzen, meinen arischen Brüdern, und bei dem Prügelmigranten um zwei Erscheinungsformen des gleichen Phänomens handelt. Die deutsche Glatze und der nichtdeutsche Grundschul-Rambo, beide sind nicht erzogen worden, weder von den Eltern noch vom Staat, beide sind ungebildet bis an den Rand der Bewusstlosigkeit, Affekten wie Hass oder Wut ohne Filter preisgegeben. Für diejenigen, die früher das Proletariat bildeten, diese ehrenwerte Klasse, die mit den Händen arbeitete, gibt es bei uns eine ganz passable staatliche Alimentation bei gleichzeitiger Verrohung, auf Deutsch oder Arabisch, je nachdem.

Arbeit verändert die Menschen, auch die Abwesenheit von Arbeit verändert sie. Arbeit und Schule haben die einfachen Leute, die es immer geben wird (nicht jeder hat das Zeug zum Professor) früher diszipliniert, Schule und Arbeit haben Affektkontrolle gelehrt, Respekt vor dem Gesetz, Zurückhaltung, altfränkisch klingende Tugenden, ohne die in Wirklichkeit einiges den Bach runtergeht, die Gesellschaft und das Individuum, beide gehen kaputt, wenn es außer Freiheit und Geld nichts gibt, auch ich, falls ich keine Disziplin habe.

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