Politik : Lob des Verrats (Kommentar)

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Früher, als sich die Welt noch in West und Ost, Gut und Böse, teilte, da war der Spion eine klare Figur. Der Spion schadete dem eigenen und half dem anderen Lager. Ganz einfach. Doch seit 1989 ist alles anders. Seitdem werden Kriege geführt, um "humanitäre Katastrophen" zu verhindern, seitdem ist auch der Spion nicht mehr, was er einmal war. Was Verrat ist, muss - zum Beispiel im Kosovo-Krieg - völlig neu definiert werden. In diesem Krieg trafen zwei militärtechnologisch vollkommen unterschiedliche Gegner aufeinander: Nato-high-Tech und serbisches Alteisen. Und auch das Ziel der Nato war, gemessen an normalen Kriegen, ungewöhnlich - nämlich nicht möglichst viele serbische Soldaten umzubringen, sondern möglichst viele Zivilisten zu verschonen. Verlieren konnte die Nato nicht auf dem Schlachtfeld, sondern nur im Fernsehen. Ein Nato-Spion soll Bombenziele an Belgrad verraten haben. In den Kalte-Krieg-Kategorien von gestern war das Verrat, heute ist es im Sinn der Nato-Strategie. Dieser Spion ist ein Held der westlichen Wertegemeinschaft. Mindestens tausend unbeteiligte Zivilisten sind bei Nato-Angriffen getötet worden. Es gab in der Nato nicht einen Spion zu viel, sondern einige zu wenig.

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