Politik : Lob für keine Geiselnahme: Saddams arabische Gastfreundschaft

Birgit Cerha

Es war ein außergewöhnliches Drama, das sich in den Abendstunden des 14. Oktober auf dem verlassenen "Saddam International Airport" in Bagdad ereignete. Ausgerechnet in die Höhle des Löwen - in Saddam Husseins Irak - ließen zwei saudische Terroristen eine überwiegend mit Briten und Saudis besetzte Passagiermaschine der "Saudia" fliegen, mit Bürgern jener Staaten, die bis heute zu Iraks Erzfeinden zählen. Doch der Diktator widerstand der Versuchung. Keine Drohung, keine Zweideutigkeiten, kein feindseliges Wort gegenüber den rund hundert Entführungsopfern. Volle Sicherheit und "größte arabische Gastfreundschaft" versprach das offizielle Bagdad, das vor einem Jahrzehnt als Folge der Invasion Kuwait Hunderte westliche Bürger als Geiseln genommen hatte. Auch diesmal hätte Saddam die Chance ergreifen können, um seine endlose Liste der Beschwerden gegenüber den Vereinten Nationen, den USA, England, aber auch Saudi-Arabien eindrucksvoll vorzubringen. Die Liste ist lang, hält doch die Uno immer noch an den internationalen Sanktionen fest; zwingen doch Amerikaner und Briten dem Irak Flugverbotszonen im Norden und Süden des Landes auf und bombardieren mehrmals die Woche militärische Ziele, bei denen auch Zivilisten ums Leben kommen; gewährt doch Saudi-Arabien - neben Kuwait und der Türkei - den beiden Verbündeten Stützpunktrechte für ihre Attacken gegen den Irak. Erst am Wochenende hatte Saddam deshalb erneut das saudische Königshaus heftig angegriffen.

Doch am Wochenende sah der Diktator offenbar größeren Vorteil für seine Strategie gegen die Sanktionen, wenn er sich der Welt als verantwortungsbewusster Herrscher präsentiert. Binnen weniger Stunden endete das Drama auf dem Bagdader Flughafen ohne Zwischenfall. Die beiden saudischen Entführer durften am Samstagabend in einer Pressekonferenz ihre Motive darlegen und wurden anschließend zu Verhören und einem späteren Gerichtsverfahren - wie es offiziell heißt - abgeführt. Alles verlief ordnungsgemäß, wie es einem Rechtsstaat gebühren würde. Dennoch bleiben Fragen offen. Dass die Terroristen ausgerechnet Bagdad als Ziel wählten, kam keineswegs von ungefähr. Sie deklarierten sich als Gegner des saudischen Königshauses und der amerikanischen Militärpräsenz auf saudischem Boden. Sie wussten, dass sie damit im Zweistromland auf große Sympathie stoßen würden. Ob ihnen der Irak nun tatsächlich den Prozess macht, bleibt vorerst fraglich. Kein Zweifel, Saddam will den Anschein peinlicher Korrektheit erwecken. Gerade zum jetzigen Zeitpunkt ein potenziell höchst gefährliches Drama friedlich zu lösen, kommt ihm besonders gelegen. Der Verdacht einer Absprache mit den Entführern drängt sich auf. Widersprüche lassen Fragen offen: Warum hatten die beiden Saudis zunächst offenbar um politisches Asyl gebeten, dies jedoch später zurückgezogen? Kein Zweifel, dem Irak dient es in der gegenwärtigen Situation weit mehr, wenn er erst gar nicht in die Verlegenheit kommt, diesen Männern Asyl zu gewähren.

Seit der Invasion Kuwaits im August 1990 liegt der Bagdader Flughafen still. Die USA erzwangen im vergangenen Jahrzehnt ein Luftembargo, das ausdrücklich jedoch in keiner der Uno-Resolutionen gefordert wird. Befürworter eines Endes der Sanktionen, wie vor allem Russen und Franzosen, versuchen seit Wochen, dieses Embargo zu durchstoßen. Die demonstrative Landung von zwei russischen, einer französischen, zwei türkischen Passagiermaschinen sowie Flugzeugen aus diversen arabischen Ländern am Bagdader Flughafen hat im Irak die Hoffnung geweckt, dass die Sanktionen nun endgültig abbröckeln. Verantwortungsbewusstes Verhalten, wie es die Irak nun demonstrierte, könnte den Druck zahlreicher Staaten auf Wiederaufnahme des regelmäßigen Luftverkehrs wesentlich verstärken. Saddam hätte wieder eine Runde im Gerangel mit der Uno, den USA und England gewonnen. In welchem Dilemma steckt Großbritanniens Premier Tony Blair nun? Muss er sich nicht bei Iraks Herrscher für das friedliche Ende des Geiseldramas bedanken? Sein Außenminister Robin Cook lehnte das am Sonntag allerdings ausdrücklich ab.

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