Lobbyarebit : Öl bindet

Wie US-Energiekonzerne jahrelang die Nähe zu staatlichen Aufsehern suchten. Die US-Ölaufsichtsbehörde "Mineral Management Service" soll auch am "Deepwater Horizon"-Desaster mitschuldig sein.

Friedemann Diederichs [New Orleans]
Im besten Fall könnte der neue Rettungsversuch dazu dienen, bis zu 85 Prozent des austretenden Öls sicher in ein Schiff an der Oberfläche zu leiten. Foto: dpa
Im besten Fall könnte der neue Rettungsversuch dazu dienen, bis zu 85 Prozent des austretenden Öls sicher in ein Schiff an der...Foto: dpa

19 Jahre lang war Stacy L. eine beliebte Mitarbeiterin der staatlichen US-Ölaufsichtsbehörde „Minerals Management Service“ (MMS). Führende Energie-Unternehmen mochten die Abteilungsleiterin so gern, dass sie die Beamtin mit Geschenken und Einladungen nur so überschütteten: Ein Abendessen, das Shell für besonders geschätzte Kunden gab – in einem Luxusrestaurant mit einer Silberschale als Dessert-Geschenk. Ski-Trips in die Rocky Mountains, Übernachtungskosten und Liftpässe inklusive. Ein Golfturnier, vom Ölkonzern GWEC veranstaltet, bei dem niemand verlieren konnte. Denn Zubehör und teure Kleidung gab es stets dazu. Stacy L. ließ sich angesichts dieser Verlockungen nicht lange bitten. Innerhalb von vier Jahren tauchte sie allein 45 mal in Ausgaben-Abrechnungen von Chevron-Verantwortlichen auf, bei Shell fand sich ihr Name zwölfmal.

Die Untersuchung, die Stacy L. letztlich den Job kostete, hatte mit einem anonymen Tipp begonnen. Und die Ermittler wurden schnell fündig – nicht nur bei ihr, sondern einem Dutzend einflussreicher MMS-Mitarbeiter. „Eine Kultur ethischen Versagens“ bescheinigt ein 36 Seiten umfassender interner Bericht des US-Innenministeriums vom September 2008, der im Wortlaut dieser Zeitung vorliegt, den staatlichen Öl-Aufsehern innerhalb des MMS. Das Dokument belegt eindrucksvoll die jahrelangen Versuche großer Ölkonzerne in den USA während der Ära George W. Bush, die Sympathien der MMS-Beamten unter Missachtung der für die Aufseher geltenden Verhaltens- und Ethikregeln zu gewinnen – notfalls auch mit dem Einsatz von nackter Haut.

„Mitarbeiter konsumierten regelmäßig Alkohol bei Industrie-Terminen, benutzten Kokain und Marihuana und hatten sexuelle Kontakte mit Repräsentanten der Öl- und Gasindustrie“, heißt es in dem Papier. Und sichergestellte E-Mails zeigen, wie Konzerne versuchten, den Beamten den Besuch von Branchen-Veranstaltungen schmackhaft zu machen, die der engeren Kontaktpflege dienen sollten: „Wir haben unsere Gäste immer mit Bier versorgt, und es ist sichergestellt, dass auch Fleisch auf den Tisch kommt“, hieß es in einer der Einladungen – eine unverhohlene Anspielung auf die Möglichkeit zu sexuellen Kontakten. „Niemand wird erfahren, wo Du die Nacht verbracht hast“, schrieb beispielsweise ein Shell-Manager einer MMS-Angestellten, und diese antwortete: „Mike, Du bist so wunderbar!“

Bei den jetzt in Washington begonnenen Anhörungen zum „Deepwater Horizon“-Desaster im Mexikanischen Golf schoben sich Anfang der Woche die an dem Projekt beteiligten Unternehmen BP, Transocean and Halliburton gegenseitig die Schuld in die Schuhe. Doch offenbar legt man im Weißen Haus auch einen Teil der Verantwortung für die Ölpest in die Hände der MMS-Kontrolleure. Denn Obamas Innenminister Ken Salazar will nun die Behörde in zwei Bereiche zerschlagen, um künftig eine bessere Kontrolle der Bohrprojekte zu gewährleisten – und die Aufsichtsfunktion des MMS von ihrer weiteren Aufgabe strikt trennen, staatliche Gebühren festzusetzen und einzutreiben.

Für Parlamentarier wie den demokratischen Abgeordneten Nick Rahall, der das Energie-Komitee im US-Repräsentantenhaus leitet, kommt diese politische Entscheidung Jahre zu spät. MMS habe sich „zum Begünstiger schlechter Industriepraktiken“ entwickelt, rügt Rahall – und fragt, warum MMS-Mitarbeiter BP und anderen Ölkonzernen gestattet hätten, bei Projekten im Golf von Mexiko auf Notfallpläne für einen sogenannten „Blow-out“ zu verzichten. Er will nun wissen, wann und warum der MMS entschieden habe, diese bedeutende Vorschrift fallen zu lassen.

Doch innerhalb des MMS gibt es Insidern zufolge eine lange Kette von Beschlüssen, die der Ölbranche die Arbeit erleichterten und zusätzliche finanzielle Bürden vermieden. Diese Erfahrung hat auch der norwegische Wissenschaftler Per Holand gemacht, der bereits im Jahr 2002 im Auftrag des MMS die Zuverlässigkeit der sogenannten „Blow-out Preventer“ testete – eben jener aus Ventilen bestehenden Sicherheitseinrichtung, die jetzt am Bohrkopf der „Deepwater Horizon“ versagte. Holand empfahl, einen für das Versiegeln der Quelle entscheidenden „Leitungsabschneider“ zur Sicherheit doppelt zu installieren. Doch der MMS reagierte nicht – und der Experte ahnt, warum: Eine solche Vorschrift hätte nicht nur Kosten verursacht, sondern auch den Bohrkopf für Plattformen älteren Datums zu schwer gemacht.

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