Politik : Locker über die Messlatte

In Emden überzeugt Angela Merkel ihre Parteifreunde – Wulff hält sich artig zurück

Armin Lehmann[Emden]

Monika Hoffmann muss jetzt los. Zur Mutter. Die ist 87 und hat ausgerechnet heute ihr Heimattreffen. „Das ist Pech“, sagt Hoffmann von der Frauen-Union in Emden, denn weder die Mutter noch sie konnten ja ahnen, dass an diesem 9. Juli die Kanzlerkandidatin Angela Merkel wenige Wochen vor einer Bundestagswahl in der Nordseehalle in Emden auf dem Landesparteitag der CDU auftauchen würde. „Kann man nichts machen“, sagt Hoffmann und tröstet sich, dass ihr sehnlichster Wunsch sowieso nicht in Erfüllung gehen würde. „Einmal ganz allein mit Frau Merkel, nur wir zwei.“

So ist Monika Hoffmann bereits weg, als die CDU-Chefin unter dem Jubel der rund 500 Delegierten in den Saal kommt, dem „lieben Christian Wulff“ für seine Arbeit in Niedersachsen dankt, für „Vertrauen in die Menschen in Deutschland“ wirbt und ihren Parteimitgliedern zuruft, sie sei überzeugt davon, dass Deutschland zu den Gewinnern der Globalisierung gehören könne. Merkel will Wahrheiten aussprechen, weil „wir vor der Wahl sagen, was wir machen werden. Das ist unser Markenzeichen“. Und deshalb sprach Merkel wohl erstmals selbst öffentlich über die geplante Mehrwertsteuererhöhung.

Jetzt ist der Parteitag wach. Sie kann das, sie gewinnt für uns, sie führt uns. So sind die zufriedenen Mienen der Delegierten zu lesen. Angela Merkel überzeugt hier, vor allem auch, weil zwischen ihr und Niedersachsens Ministerpräsident Wulff kein Blatt Papier zu passen scheint.

Wulff achtete artig darauf, dass seine eigenen bundesweiten Popularitätswerte keinen Schatten auf den Besuch der Kandidatin warfen. Seit Februar sonnt sich der Ministerpräsident auf Platz eins der Skala der beliebtesten Politiker in Deutschland. Noch interessanter finden sie in Wulffs Umgebung allerdings die Tatsache, dass er unter den Spitzenpolitikern auch noch der unbekannteste ist und damit „noch viel Spielraum nach oben besitzt“. Was nichts anderes heißt als: nach Berlin, in die Bundespolitik. „Der Christian Wulff wird kein Problem haben, mit dieser Situation umzugehen“, sagt Rudolf Seiters, langjähriger Bundesminister, und guckt wissend.

Die Rede Wulffs ordnete sich ein in dieses Schema: zurückhaltend, staatstragend, die eigenen Erfolge nüchtern herausstreichend. „Umfragen sind nur Momentaufnahmen“, sagt er. Nur an einer Stelle der Rede konnte, wer wollte, Wulff Taktik unterstellen. „Es wird an Angela Merkel liegen, dem Land wieder Vertrauen zu geben und für einen Mentalitätswechsel zu sorgen.“ War das eine Messlatte für die Kanzlerkandidatin? In Emden sprang Merkel locker drüber.

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