Lodges: Wie Bitte? : Subtil und Mitreißend

Blindheit ist tragisch, Taubheit aber komisch: David Lodges Roman "Wie bitte?" ist insgesamt ein subtil und mitreißend erzähltes Buch.

Christoph Schröder

Der ältere Herr, der auf der Party neben der jungen blonden Frau steht, ist kein Spanner, obwohl er, tief nach vorne gebeugt, den Eindruck macht, als würde sein Kopf demnächst in ihrer Bluse versinken. Der Mann ist auch nicht betrunken. Er ist schlicht und einfach schwerhörig, und gegen das Durcheinander der Stimmen in dem weiten Raum ist auch sein Hörgerät machtlos. Der Mann nickt immer wieder beflissen zu dem, was die Blondine erzählt, ab und zu gibt er zustimmende Worte von sich – und als seine Frau ihn am Ende des Abends fragt, worüber er sich denn so angeregt unterhalten habe, muss er zugeben, nicht die geringste Ahnung zu haben.

„Taubheit ist komisch, Blindheit tragisch.“ Zu dieser Erkenntnis kommt Desmond Bates, emeritierter Professor für Linguistik und Protagonist von David Lodges neuem Roman. Er ist jener Mann, der im Begriff ist, sein Gehör zu verlieren. Es gibt ein chinesisches Sprichwort: „Was du nicht verbergen kannst, sollst du betonen.“ In diesem Sinne arbeitet Lodge sowohl die offensichtlich komischen Aspekte des Defekts heraus als auch die tragischen. Das Ergebnis ist ein so witziger wie reflektiert-intelligenter Roman. Anders als mit dem Blinden hat die Umwelt mit einem Tauben keine Geduld. Liefe ein Blinder gegen die Wand – niemand würde zu lachen wagen. „Vier Paare kamen bar an Sonne, reisende Schätze, die aber leider durch den Kubismus verstorben sind.“ So versteht Bates beispielsweise den Satz einer Bekannten. Auf Nachfrage heißt es dann: „Wir waren in der Nähe von Carcassonne, ganz reizende Plätze, die aber leider durch den Tourismus verdorben sind.“ An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die Übersetzerin Renate Orth-Guttmann ganz hervorragende Arbeit geleistet hat und das sprachlich komplexe Verhörspiel des Romans adäquat ins Deutsche gerettet hat.

Die oberflächlichen Missverständnisse, denen Desmond Bates permanent ausgesetzt ist, sind nur die Spitze des Eisbergs. „Wie bitte“, das ist einer der wichtigsten Erzählstränge des Romans, legt das individuelle Desaster frei, das hinter einer Behinderung wie der von Desmond steckt. Man vereinsamt nach außen hin fast unmerklich. Man wird für sein familiäres Umfeld zum nicht mehr ernst zu nehmenden Sonderling, sexuell und intellektuell. So ergeht es auch Desmond Bates, dessen zweite Ehefrau Winifred (die erste ist gestorben) ihre Karriere in Schwung bringt, während Desmond sich in sich und in Gedanken zur Taubheit bei Goya und Beethoven vergräbt.

David Lodges – wie man im Nachwort erfährt autobiografischer und von einer breiten künstlerischen Bildung gesättigter – Roman ist auf mehreren Ebenen eine Reflexion über Vergänglichkeit und körperlichen Verfall: Da ist Desmond selbst; da sind seine Erinnerungen an den Tod seiner ersten Frau. Und da ist vor allem sein noch in London lebender Vater, ein von außen betrachtet wunderlicher Geizkragen, den der zunehmend wunderlich werdende Desmond betreut, so gut es über die Entfernung eben geht.

Die Familienfeiern, auf denen der permanent über seine Verdauung dozierende Vater und Winifreds Angehörige aufeinanderprallen, gehören zu den slapstickhaften Höhepunkten des Romans. Lodge wechselt in der Erzählperspektive zwischen der ersten und der dritten Person, was die fortschreitende Entfremdung Desmonds zwischen sich und der Außenwelt deutlich werden lässt. Hier steht einer im wahrsten Sinne des Wortes neben sich.

Desmonds Mangel an kommunikativer Leistungsfähigkeit führt auch dazu, dass er sich ganz allmählich in ein undurchschaubares Verhältnis zu der amerikanischen Studentin Alex begibt (der attraktiven Partyfrau zu Beginn), die angeblich eine Abschlussarbeit über Selbstmordbriefe schreibt und eindeutig verrückt ist. Dass Lodge seinen Protagonisten gegen Ende des Romans auf einen effekthascherischen Trip nach Auschwitz-Birkenau schickt, dabei in einen ungewohnt platten Moraltonfall verfällt und Desmonds Erinnerungsbilder zumindest assoziativ mit dem späteren Leiden und dem Tod des Vaters verwirbelt, ist das einzig Überflüssige an diesem ansonsten subtil und mitreißend erzählten Buch.

David Lodge: Wie bitte? Roman. Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann. Karl Blessing Verlag, München 2009. 368 S., 19,95 €.

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