London : Erzbischof befürwortet Scharia

Der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, hat mit dem Vorschlag, Teile der Scharia für Muslime in Großbritannien als Rechtspraxis anzuerkennen, einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Selbst muslimische Abgeordnete sind irritiert.

LondonDie Äußerungen von Rowan Williams, der das geistliche Oberhaupt von weltweit rund 80 Millionen anglikanischen Gläubigen ist, hat eine Debatte über die Integration von Muslimen in christlich geprägten Gesellschaften ausgelöst.

Premierminister Gordon Brown und zahlreiche andere Politiker distanzieren sich von Williams. Die britische Gesetzgebung werde "stets auf britischen Werten beruhen", so der Regierungschef. Dass Muslime Vorschriften der Scharia beachten wollen, könne "weder als Rechtfertigung für Verstöße gegen englisches Recht gelten, noch dürfen Scharia-Grundsätze bei der Lösung von Streitfragen vor Zivilgerichten anerkannt werden".

Idee unterschiedlicher Rechtssysteme

Kritik an den Vorstellungen des Erzbischofs von Canterbury kommt auch aus der internationalen anglikanischen Kirchengemeinschaft. "Wir in Australien sind dankbar für die Freiheit der Religionen, aber wir lehnen die Idee von unterschiedlichen Rechtssystemen für verschiedene Bevölkerungsgruppen ab", erklärt der Bischof von Sydney, Robert Forsyth.

Rowan Williams hatte es am Donnerstag in einem Interview der BBC überraschend als "unvermeidlich" bezeichnet, dass Elemente der Scharia im britischen Zivilrecht anerkannt werden. Durch eine "konstruktive Adaption" von Scharia-Elementen könnten zum Beispiel muslimischen Frauen westliche Ehescheidungsregeln erspart werden. Dabei gehe es natürlich nicht darum, "Unmenschlichkeiten" der Gesetzespraxis in einigen islamischen Ländern in den Westen zu übertragen.

Welches Recht soll gelten?

Der Direktor der britischen Organisation "Christian Voice", Stephen Green, meint dazu: "Wenn Muslime unter der Scharia-Gesetzgebung leben wollen, dann haben sie jederzeit die Freiheit, in Länder auszuwandern, in denen die Scharia angewandt wird."

Bei den rund 1,7 Millionen in Großbritannien lebenden Muslimen wurde der Vorstoß des Erzbischofs unterschiedlich aufgenommen. Es sei richtig, auch für im Westen lebende Muslime im Zivilrecht Vorschriften der Scharia anzuwenden, findet der Direktor der um die Verbreitung des Islam bemühten Rahmadan Foundation, Mohammed Shafiq. Dagegen sagte die muslimische Abgeordnete der Konservativen Partei, Sayeeda Warsi, es dürfe auf keinen Fall "zwei verschiedene Gesetzessysteme mit Wahlmöglichkeit" geben. (dm/dpa)

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