LONDON : Ewiger Wandel

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Die Stadt ist teuer, überfüllt, die Luft schlecht, das Verkehrssystem überlastet, Wohnungen sind kaum zu bezahlen. Viele haben Angst, nachts auf die Straße zu gehen, andere fürchten Terroranschläge. Bei den Krawallen im Sommer 2011 sah man, wie dicht unter der Oberfläche die Anarchie lauert. Aber das Bild Londons in der Welt ist von luftigen Parks, malerischen Gärten, einer dichten 100-jährigen Geschichte und edlen Museen geprägt, die dazu noch für jedermann umsonst sind.

„Die beste Stadt der Welt“, sagt nicht nur Bürgermeister Boris Johnson. Jugendliche aus ganz Großbritannien folgen dem alten Ruf „Stadtluft macht frei“ und wollen in London ihr Glück machen. Die zwölf Gemeinden mit dem höchsten Anteil an 24- bis 29-Jährigen sind alle in London.

Millionen Nutzer des Reiseinformationsportals Tripadvisor wählten London als weltweit bestes Reiseziel: „London ist eine der vielfältigsten und kosmopolitischsten Städte der Welt. Ein historischer Themen-Park“, schwärmt ein Reisender aus Los Angeles. Banker und Superreiche bringen in London Unternehmen an die Börse, kaufen sich die mit teuersten Luxuswohnungen, die man in der Welt kaufen kann. Im GFCI-Index der führenden Finanzzentren der Welt belegte London im Mai wieder den ersten Rang, mit 781 Punkten vor New York mit 772 Punkten. Auch für Bogumil, den Fensterputzer ist London die beste Stadt. In Rumänien war er Musiklehrer, doch „dort sind alle zu engstirnig“ sagt er. Statt Klavier zu spielen, begann er mit seiner Leiter durch die Straßen zu ziehen und englische Fenster zu putzen, die man von außen schlecht erreicht. Nun beschäftigt er schon einen Angestellten. Nie mehr will er zurück.

Bogumil ist einer von Hunderttausenden. 40 Prozent der Londoner sind nicht in Großbritannien geboren, 140 Sprachen werden in der Stadt gesprochen. Egal aus welchem Winkel der Welt einer kommt, hier findet er Landsleute. In London leben mehr Franzosen als in Bordeaux oder Straßburg. Es gibt deutsche Pubs, chinesische Viertel, reiche Russen sitzen zum Tee im Ritz, somalische Flüchtlinge spielen in einem fensterlosen ehemaligen Laden an langen Tischen mit Wasserflaschen Domino. Wegen der starken Immigration und seiner internationalen Attraktivität ist London eine beängstigend schnell wachsende Stadt: Bis 2020 soll es nach Schätzungen des Britischen Nationalen Statistikamtes neun Millionen Einwohner haben – das wäre ein Wachstum von 14 Prozent in einer Dekade. Die Folgen für die Infrastruktur liegen auf der Hand. Überall fehlt es bereits jetzt an Schulen, Krankenhäusern, Ärzten, neuen U-Bahnen, Wohnungen.

Außenstehende sehen London gerne als schrullige Denkmalstadt, mit lustigen Soldaten, den Kutschen der Queen, den alten Kirchen und Palästen. Das ist richtig und könnte doch falscher nicht sein. Das Lebensgefühl der Stadt – und in hohem Maße auch die Identität ihrer Bewohner – wird von ewigem Wandel bestimmt, von der Neugier und Toleranz, dem Aufeinanderprallen und sogar der Freude am Kontrast und Unvereinbaren. Alles ist im Fluss. Neue Hightech-Hochhäuser und alte Tavernen, unvorstellbarer Reichtum und nacktes Elend. Anpassungsfähigkeit, Pragmatismus, Offenheit für Menschen und vor allem Gelassenheit und Toleranz sind größere Tugenden der Londoner als Traditionsbewusstsein und Beharren auf dem, wie es immer war.Matthias Thibaut

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